Schlagwort: dokumentarfilm

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kalkutta

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echo : 0.25 UTC — Ein­mal woll­te ich nach Kal­kut­ta rei­sen. Ich dach­te, das ist jetzt eine beschlos­se­ne Sache. Ich mach­te mich unver­züg­lich an die Vor­be­rei­tung mei­ner Rei­se: Kof­fer, Regen­schirm, Aus­weis, Apo­the­ke, Imp­fun­gen, Notiz­bü­cher, Schreib­ma­schi­ne, Foto­ap­pa­ra­te, Flug hin und zurück, Hotel­zim­mer, Stadt­plan, Lite­ra­tur, Son­nen­hut. Weni­ge Tage spä­ter erreich­te mich ein ers­tes Paket des Doku­men­tar­films Phan­tom Indi­en von Lou­is Mal­le. Ich las, der Film habe ins­ge­samt eine Spiel­zeit von 6 Stun­den und 3 Minu­ten. Solan­ge Zeit, stell­te ich mir vor, könn­te eine Fahrt quer durch Kal­kut­ta mit dem Taxi dau­ern. Es ist nun über­haupt die Fra­ge, wie lan­ge Zeit soll­te ich mich mit der Vor­be­rei­tung mei­ner Rei­se nach Kal­kut­ta beschäf­ti­gen? — Lan­ge Zeit in der ver­gan­ge­nen Nacht das nord­ame­ri­ka­ni­sche Fern­se­hen beob­ach­tet. Wie man sich in den Wor­ten, wenn man sie spürt, fin­den kann, kann man sich im Rau­schen rasen­der Wor­te ver­lie­ren. — stop
ping

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1:16:15

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echo : 0.08 — Auf dem Kapi­tol zu Washing­ton berich­tet ein paki­sta­ni­scher Bür­ger, Über­le­ben­der eines Droh­nen­an­griffs, im Bei­sein sei­ner Kin­der Abge­ord­ne­ten des ame­ri­ka­ni­schen Kon­gres­ses: Ich mag kei­ne blau­en Him­mel mehr. Graue Him­mel sind mir lie­ber. Bei grau­em Him­mel flie­gen die Droh­nen nicht. Für kur­ze Zeit las­sen die Angst und die Anspan­nung nach. Klart der Him­mel auf, keh­ren die Droh­nen zurück und mit ihnen die Angst. Weni­ge Minu­ten spä­ter sind in dem nor­we­gi­schen Doku­men­tar­film Dro­ne Kin­der zu sehen, die mit Stein­schleu­dern gegen den Him­mel schies­sen. Auf Flach­dä­chern eines Dor­fes wer­den über­le­bens­gro­ße Por­träts von Opfern des Luft­krie­ges aus­ge­legt. Der Ver­such eines Gesprä­ches, wie mir scheint, mit in der Fer­ne ope­rie­ren­den Pilo­ten der Droh­nen­ma­schi­nen am Him­mel, Kla­ge, Bit­te, Mah­nung. Ist das eine Nach­richt? — stop
vomfliegen

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ein junge und seine lehrerin

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sier­ra : 5.14 — In dem Doku­men­tar­film Selbst­por­trait Syri­en von Ossa­ma Moham­med und Wiam Simav Bedir­xan spa­ziert die kur­di­sche Künst­le­rin Wiam Simav Bedir­xan mit einem Jun­gen, den sie filmt, durch die bela­ger­te Stadt Homs. Der Jun­ge hüpft her­um, wie es Kin­der tun, ent­deckt Blät­ter, die sei­ne Mut­ter viel­leicht kochen könn­te, und vor einer Häu­ser­wand eine rote Blu­me, die der Jun­ge pflückt. Im Hin­ter­grund sind Deto­na­tio­nen zu hören, auch Vogel­stim­men. Als der Jun­ge einen Platz erreicht, an wel­chen sich eine brei­te­re Stra­ße anschließt, fragt er die Leh­re­rin, wie sie wei­ter­ge­hen wer­den. Die Leh­re­rin sagt: Wie Du willst. Und der Jun­ge hüpft vor­an, er nimmt eine Trep­pe, er sagt: Da vor­ne ist ein Hecken­schüt­ze. Also will er dort nicht gehen, weil er weiß, was ein Hecken­schüt­ze ist. Weni­ge Minu­ten spä­ter errei­chen die Leh­re­rin und der Jun­ge eine wei­te­re Stra­ße, die sie über­que­ren wol­len. Es ist viel­leicht ein Ort, an dem schon vie­le Men­schen zuvor erschos­sen wur­den. Die Leh­re­rin ruft: Lauf! Ich sehe wie der Jun­ge sehr schnell über die Stra­ße springt, bis er den Schutz eines gegen­über­lie­gen­den Hau­ses erreicht, kurz dar­auf beschleu­nigt auch die Leh­re­rin ihre Schrit­te, das Bild hüpft auf und ab. Ich schloss in die­sem Moment die Augen, als ich sie wie­der öff­ne­te war eine Foto­gra­fie zwei­er Mäd­chen zu sehen, die in einen Foto­ap­pa­rat lach­ten, auf einer wei­te­ren Foto­gra­fie, die weni­ge Tage spä­ter auf­ge­nom­men wur­de, lie­gen sie in sma­ragd­grü­nen Kleid­chen neben­ein­an­der auf den Boden und sind tot. Ich bin müde, ich muss bald prü­fen, ob ich erin­nert habe wie es war. — stop

drohne20

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the look of silence

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papa : 0.45 — Als ich ges­tern Abend den außer­ge­wöhn­li­chen Doku­men­tar­film The Look of Silence betrach­te­te, ist etwas sehr Merk­wür­di­ges gesche­hen. Mei­ne Schne­cke Esme­ral­da stürz­te näm­lich aus 1 Meter Höhe von der Wand auf den Fuß­bo­den, wor­auf­hin ich die Schne­cke vor­sich­tig in die Hän­de nahm und nach mög­li­chen Schä­den such­te. Als ich die Schne­cke kurz dar­auf wie­der vor die Wand setz­te, als Esme­ral­da nach wei­te­ren 2 Minu­ten erneut von der Wand stürz­te, stopp­te ich den Film und über­leg­te, ob mei­ne Schne­cke mög­li­cher­wei­se krank gewor­den sein könn­te. Indes­sen klet­ter­te Esme­ral­da, wie unter einem Zwang, zum drit­ten Mal die Wand hin­auf, dies­mal jedoch fiel sie nicht auf den Boden zurück. Besorgt ver­folg­te ich ihre Bewe­gung meh­re­re Minu­ten lang, alles ging solan­ge gut, bis ich die Betrach­tung des Fil­mes fort­setz­te. Nach eini­gen wei­te­ren Ver­su­chen ist nun Fol­gen­des zu berich­ten. Esme­ral­da reagiert schein­bar auf Geräu­sche, die der Film erzeugt. Ich neh­me an, mei­ne Schne­cke wird von Rufen der Zika­den, wel­che im Film immer wie­der über län­ge­re Zeit zu hören sind, müde, sie schläft ein, sie ver­gisst sich sozu­sa­gen, ihre Lage an der Wand, die gefähr­li­che Tie­fe unter ihr. Eine erstaun­li­che Beob­ach­tung. Ich habe bis­her noch nicht dar­über nach­ge­dacht, ob Schne­cken über ein Hör­ver­mö­gen ver­fü­gen, es ist denk­bar, dass Schne­cken über ein Kör­per­haut­ohr gebie­ten. — stop

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stamps1

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olkiluoto

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romeo : 0.01 — Im Doku­men­tar­film Into Eter­ni­ty aus dem Jahr 2010 eine äußerst span­nen­de Fra­ge ent­deckt: Ob viel­leicht das End­la­ger für Atom­müll Onka­lo, auf der fin­ni­schen Halb­in­sel Olki­luotoi gele­gen, wel­ches um das Jahr 2100 her­um für alle Zeit ver­sie­gelt wer­den wird, an Ort und Stel­le vor­sich­tig mar­kiert oder aber in einen Zustand ver­setzt wer­den soll­te, dass es von Men­schen ver­ges­sen wer­den könn­te? Ein viel­stim­mi­ger Text geht die­ser Fra­ge nach: Ja, es exis­tiert einer­seits der phi­lo­so­phi­sche Ansatz, dass es sinn­voll wäre, das Atom­müll­la­ger Onka­lo zu ver­ges­sen, eine Ent­de­ckung wäre dem­zu­fol­ge nur durch Zufall denk­bar. Wie aber ist es mög­lich Ver­ges­sen zu orga­ni­sie­ren? Ander­seits könn­te man das End­la­ger mar­kie­ren. Ein nahe lie­gen­des Modell wäre ein Stein mit einem Text dar­auf in geläu­fi­gen Spra­chen der UN, je mit Hin­wei­sen auf wei­te­re Mar­ker mit je wei­ter­füh­ren­den Infor­ma­tio­nen bis hin zu einer stei­ner­nen Biblio­thek, die in unter­ir­di­schen Räu­men ange­legt wer­den könn­te. Haupt­bot­schaf­ten sind: Dies ist ein gefähr­li­cher Ort, bit­te stört die Ruhe die­ser Anla­ge nicht! Bild­spra­che käme nun ins Spiel, dras­ti­sche Sym­bo­le oder abwei­send gestal­te­te Land­schaf­ten, wel­che aller­dings nicht zwin­gend wir­kungs­voll sein wer­den. In Nor­we­gen exis­tiert ein uralter Stein, des­sen Unter­sei­te mit einer Runen­in­schrift ver­se­hen war: Do not move. Die­se War­nung wur­de von neu­zeit­li­chen Archäo­lo­gen kom­plett igno­riert. Wenn wir die Zeit spie­geln und 100000 Jah­re in die Ver­gan­gen­heit bli­cken, müs­sen wir ein­se­hen, wir haben mit unse­ren Vor­fah­ren, den “Nean­der­ta­lern”, sehr wenig gemein. Es könn­te sein, dass Men­schen der Zukunft, die auf das Lager sto­ßen, über eine ganz ande­re Erschei­nung ver­fü­gen, über ande­re Sin­ne und Bedürf­nis­se als mensch­li­che Wesen unse­rer Zeit. Die Fra­ge ist völ­lig offen, ob ein ver­nunft­be­gab­tes Wesen in Zukunft irgend­et­was sinn­voll inter­pre­tie­ren könn­te oder woll­te. In aller Kür­ze: Nie­mand weiß irgend­et­was! Es ist exis­tiert die Not­wen­dig­keit einer Ent­schei­dung trotz Unwäg­bar­keit. Man muss zu die­sem Zeit­punkt sagen, was man weiß, und man muss sagen wovon man weiß, dass man es nicht weiß, und auch wovon man nicht weiß, dass man es nicht weiß. — stop

ping

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ein zeitraum wird sichtbar

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echo : 0.28 — Wann war es das ers­te Mal gewe­sen, dass ich von der Fil­me­ma­che­rin Lau­ra Poit­ras hör­te. Viel­leicht im Som­mer des Jah­res 2013. Ich erin­ne­re mich, jemand erzähl­te, sie sei eine in sich ruhen­de, sehr star­ke Frau, die nie­mals, auch in gefähr­li­chen Situa­tio­nen nicht, ihre Fähig­keit der Kon­zen­tra­ti­on ver­lie­ren wür­de. In ihrem Doku­men­tar­film Citi­zen­four, der vor­nehm­lich in einem Hotel der Stadt Hong Kong gedreht wur­de, ist sie selbst kaum zu sehen. Ich mei­ne ihre Gestalt sowie ihre Kame­ra in einem Spie­gel für eini­ge Sekun­den wahr­ge­nom­men zu haben. Ein merk­wür­di­ger, inten­siv wir­ken­der Film, des­sen Bil­der vage Vor­stel­lun­gen der Ereig­nis­se jenes Som­mers mit wirk­li­chen Bil­dern füll­te. Edward Snow­den sitzt bar­fuss auf einem Bett, mei­ne Augen beob­ach­te­ten ihn im Licht der vor­ge­stell­ten, ver­mut­lich sehr rea­len Gefahr, in der sich der jun­ge muti­ge und über­aus klar spre­chen­de Mann befand. Immer wie­der hielt ich den Film an, um nach­zu­den­ken oder zu ler­nen. Ein­mal beob­ach­te­te ich indes­sen wie sich Schne­cke Esme­ral­da über den Boden mei­nes Arbeits­zim­mers in Rich­tung eines geöff­ne­ten Fens­ters fort­be­weg­te. Sie wan­der­te gemäch­lich die Wand hin­auf zum Fens­ter­brett, war­te­te dort eini­ge Minu­ten, wäh­rend sie den Nacht­him­mel mit ihren Augen betas­te­te, um sich schließ­lich hin­aus an die raue Haus­wand zu wagen. Eini­ge Stun­den spä­ter, in der Däm­me­rung des Mor­gens, kehr­te sie zurück. Ihre Kriech­spur schim­mer­te im ers­ten Licht des Tages an der Wand des Hau­ses, sie war, aus der Per­spek­ti­ve einer Schne­cke betrach­tet, weit her­um gekom­men. Den fol­gen­den Tag über schlief Esme­ral­da tief und fest, wie mir schien, in der Küche auf dem Tisch. Ihr schwe­res Gehäu­se lehn­te an einer Apri­ko­se. — stop

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ping

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sahara

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sier­ra : 3.28 — Jane Goodall erzählt eine fas­zi­nie­ren­de Geschich­te von Wahr­neh­mung und Wirk­lich­keit in den ers­ten Minu­ten eines Doku­men­tar­films, der ihr Leben schil­dert. Sie sagt fol­gen­des: Ich hat­te es ziem­lich satt, dass mich die Leu­te für Dia­ne Fos­sey hiel­ten und sag­ten: Ihr Film Goril­las im Nebel war wun­der­voll. Ich sag­te dann immer: Sie haben den Film gese­hen? — Ja! — Dann wis­sen die doch, dass die Dame getö­tet wur­de, oder? — Ja!  ‑Aber ich bin doch da! — stop. Frü­he Nacht. In die­sem Jahr zum ers­ten Mal die Fens­ter nach Mit­ter­nacht geöff­net. Esme­ral­da sitzt auf dem Brett neben Kak­teen, sie scheint Ster­ne zu betrach­ten. Gedämpf­tes Licht vom nord­ost­wärts rei­sen­den Staub der Saha­ra. Ges­tern noch träum­te ich von einem Tele­fon­ge­spräch mit Jules Ver­ne, der mit sehr hel­ler Stim­me Züge eines Schach­spiels mel­de­te. Merk­wür­dig ins­be­son­de­re das Vor­kom­men einer Ken­tau­ren­fi­gur im Spiel, wel­che sich durch Bewe­gung auf unsicht­ba­re Spiel­fel­der in der Luft vor jedem Zugriff in Sicher­heit brin­gen konn­te. — stop

polaroidgondeln

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in der dritten stunde schlafloser nacht

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gink­go : 2.55 — In dem Doku­men­tar­film Unter Kon­trol­le, der von den inne­ren Räu­men des Atom­kraft­zeit­al­ters her erzählt, erklärt ein lei­ten­der Inge­nieur den Wir­kungs­zu­sam­men­hang zwi­schen com­pu­ter­ge­steu­er­ten Rou­ti­nen und mensch­li­chen Wir­kungs­op­tio­nen, die zu Sicher­heit oder mög­lichst gerin­ger Unsi­cher­heit füh­ren sol­len. Es ist ein sym­pa­thi­scher älte­rer Herr, der dort spricht. Man sieht, er ist stolz auf die von mensch­li­chem Geist geschaf­fe­ne Maschi­ne. Um sei­ner Über­zeu­gungs­kraft nicht voll­stän­dig zu erlie­gen, muss ich mich bemü­hen, ich schwim­me, mit­tels Gedan­ken­be­we­gung, gera­de­zu an gegen den Sog sei­ner Argu­men­ta­ti­on, ich den­ke: Three Mile Island, Tscher­no­byl, Fuku­shi­ma, ein Tele­gramm den­ke ich, das sich wie­der­ho­len lässt, ein klei­ner Kopfro­tor. Ein­mal äußert der sym­pa­thi­sche alte Mann einen höchst bemer­kens­wer­ten Gedan­ken, er sagt, dass sta­tis­tisch gese­hen jeder Mensch 10 Feh­ler in einer Stun­de unter­neh­men wür­de. Das ist eine sehr selt­sa­me Sache. Mir geht das nicht mehr aus dem Kopf. Es ist jetzt bald drei Uhr in der Nacht, der Sta­tis­tik zu Fol­ge habe ich bis­her 28 Feh­ler unter­nom­men, die jeder für sich nicht sehr schwer gewe­sen sein dürf­ten, weil ich noch immer exis­tie­re. Ich ruh­te, zum Bei­spiel, in der ver­gan­ge­nen Stun­de auf einem Sofa, ich habe weder tele­fo­niert, noch habe ich Musik gehört, auch habe ich in kei­nem Buch gele­sen, ich habe an mei­nen Vater gedacht, an mei­ne Mut­ter, an mei­ne Schwes­ter, an mei­ne Brü­der, und auch an jenen älte­ren Herrn und sei­ne Begrün­dung der Maschi­ne. Bald, in weni­gen Minu­ten, wer­de ich in die vier­te Stun­de die­ses Tages tre­ten. — stop
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zimmer 202

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sier­ra : 18.15 — Ich kann ohne Geräu­sche nicht schla­fen. Ich ver­ste­he die Leu­te nicht, die ein ruhi­ges Zim­mer wol­len. Ich will ja nicht ster­ben, ich will ja nur schla­fen. Ich mag mensch­li­che Geräu­sche. Lie­ber Press­luft­häm­mer, als tota­le Stil­le. Ich kann auch zu Hau­se stun­den­lang auf Kurz­wel­le irgend­ei­ne Fremd­spra­che hören, so als Back­ground. Das ist mit auch ein Grund dafür, dass ich viel in Eisen­bah­nen geschrie­ben habe, weil ich Geräu­sche brau­che. Ich muss einen Rhyth­mus hören. — Peter Bich­sel in der 58. Minu­te des Doku­men­tar­films Zim­mer 202 : Peter Bich­sel in Paris
ping

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srebrenica

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marim­ba : 14.05 – Zur Zeit unse­rer ers­ten Begeg­nung war Ani­sha zwan­zig Jah­re alt gewe­sen, hat­te gera­de ihr Medi­zin­stu­di­um auf­ge­nom­men und ging gern spa­zie­ren, wäh­rend ich Fra­gen stell­te, zum Bei­spiel, ob es für sie, eine Mus­li­ma, nicht schwie­rig sei, mensch­li­che Kör­per zu zer­glie­dern. Ich erin­ne­re mich, auch im Prä­pa­rier­saal lief sie gern her­um, immer­zu muss­te ich nach ihr suchen und ich such­te ger­ne, weil sie oft fein­sin­ni­ge Gedan­ken in mein klei­nes Ton­band­ge­rät dik­tier­te. Ein­mal stan­den wir in einem Waren­haus vor Fern­seh­ge­rä­ten. Ein Doku­men­tar­film wur­de gezeigt, Sre­bre­ni­ca, wie die Bür­ger der Stadt an ser­bi­sche Trup­pen aus­ge­lie­fert wur­den. Eine Wei­le schau­te Ani­sha schwei­gend zu. Dann erzähl­te sie in kur­zen Sät­zen eine schwer­wie­gen­de Geschich­te. Das digi­ta­le Auf­nah­me­ge­rät lief wei­ter, wäh­rend ich ihr zuhör­te, wes­we­gen ich ihre Stim­me bald dar­auf mit mir neh­men konn­te, und ich notier­te ihre Bemer­kun­gen so genau wie mög­lich. Ges­tern Abend nun las ich Ani­sha per­sön­lich vor, was ich damals ein­ge­fan­gen hat­te. Ein selt­sa­mer Moment. Der Ein­druck, dass erst jetzt, sehr viel spä­ter, mit jedem gele­se­nen Wort mein Text authen­tisch wur­de. Die Geschich­te geht so: Stell Dir Män­ner vor, die Apri­ko­sen­bäu­me rau­chen. Wenn Abend wird zün­den wir Ker­zen an, die wir aus dem Öl der Fisch­kon­ser­ven fabri­zie­ren. Und dann ist Nacht. Mut­ter steht am Fens­ter. Und dann ist Mor­gen und die schwe­ren Män­tel, die wir als Nacht­hem­den tra­gen, sind kalt gewor­den. Anstatt der Häh­ne unse­res Dor­fes, die wir längst gefres­sen haben, krä­hen uns Schüs­se an. Ich sehe die dür­ren Fin­ger mei­nes Vaters, die in sei­nem Gesicht nach Aus­we­gen gra­ben. Sie kom­men über eine graue Woll­de­cke spa­ziert und put­zen mir den Ruß von der Nase. Mut­ter steht immer noch am Fens­ter. Sie summt vor sich hin. Und dann gehen wir fort. Ich tra­ge einen Kof­fer, der groß ist wie ich. Auf einer Wie­se bren­nen Kühe.
ping