srebrenica

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marimba : 14.05 – Zur Zeit unserer ersten Begeg­nung war Anisha zwanzig Jahre alt gewesen, hatte gerade ihr Medi­zin­stu­dium aufge­nommen und ging gern spazieren, während ich Fragen stellte, zum Beispiel, ob es für sie, eine Muslima, nicht schwierig sei, mensch­liche Körper zu zerglie­dern. Ich erin­nere mich, auch im Präpa­rier­saal lief sie gern herum, immerzu musste ich nach ihr suchen und ich suchte gerne, weil sie oft fein­sin­nige Gedanken in mein kleines Tonband­gerät diktierte. Einmal standen wir in einem Waren­haus vor Fern­seh­ge­räten. Ein Doku­men­tar­film wurde gezeigt, Srebre­nica, wie die Bürger der Stadt an serbi­sche Truppen ausge­lie­fert wurden. Eine Weile schaute Anisha schwei­gend zu. Dann erzählte sie in kurzen Sätzen eine schwer­wie­gende Geschichte. Das digi­tale Aufnah­me­gerät lief weiter, während ich ihr zuhörte, weswegen ich ihre Stimme bald darauf mit mir nehmen konnte, und ich notierte ihre Bemer­kungen so genau wie möglich. Gestern Abend nun las ich Anisha persön­lich vor, was ich damals einge­fangen hatte. Ein selt­samer Moment. Der Eindruck, dass erst jetzt, sehr viel später, mit jedem gele­senen Wort mein Text authen­tisch wurde. Die Geschichte geht so: Stell Dir Männer vor, die Apri­ko­sen­bäume rauchen. Wenn Abend wird zünden wir Kerzen an, die wir aus dem Öl der Fisch­kon­serven fabri­zieren. Und dann ist Nacht. Mutter steht am Fenster. Und dann ist Morgen und die schweren Mäntel, die wir als Nacht­hemden tragen, sind kalt geworden. Anstatt der Hähne unseres Dorfes, die wir längst gefressen haben, krähen uns Schüsse an. Ich sehe die dürren Finger meines Vaters, die in seinem Gesicht nach Auswegen graben. Sie kommen über eine graue Woll­decke spaziert und putzen mir den Ruß von der Nase. Mutter steht immer noch am Fenster. Sie summt vor sich hin. Und dann gehen wir fort. Ich trage einen Koffer, der groß ist wie ich. Auf einer Wiese brennen Kühe.
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