von grammophonen

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marimba : 18.52 – Einmal gehe ich im Traum eine Straße spazieren. Da und dort Waren­häuser und Läden, schön warm beleuchtet, selt­sa­mer­weise ohne Ausnahme Schall­plat­ten­läden. Gram­mo­phone sind zu erkennen, ganz alte Kisten. Plötz­lich kommt mein Bruder auf einem Fahrrad vorbei, kurz darauf Vater im Roll­stuhl sehr kraft­voll. Er leuchtet vor Begeis­te­rung, diese Geschwin­dig­keit, er ist unge­heuer geschickt mit seinem Stuhl. Der Roll­stuhl ist von Kirsch­baum­holz, er blüht. Bald sind Vater und Bruder in einer Seiten­straße verschwunden. – Kurz nachdem ich erwachte, erzählte ich Mutter meinen Traum, er gefiel ihr. Jetzt sitzt sie selbst im Roll­stuhl. Wenn dieser, ihr kleiner Roll­stuhl doch nur blühen würde, es ist Mai, sie trägt einen Sommerhut und schläft. – stop

nicht atmen

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nordpol : 18.15 – Heute ist ein glück­li­cher Tag. Der Wind rast ums Haus, nur noch wenige Stunden Zeit, April­wind zu sein. Und diese Blei­stifte, die heute ange­kommen sind, so spitz und hart, wie ich sie mir kaum vorzu­stellen traute. Um 17 Uhr und drei Minuten erreicht mich die Nach­richt der Biblio­thek, Robert Walsers Mikro­gramme Aus dem Blei­stift­ge­biet seien einge­troffen, ich könnte sie abholen bis 18 Uhr, also dann am Mitt­woch. Wie bin ich auf Robert Walser gestoßen nach langer Zeit? Nun, weil ich vor wenigen Tagen einen Mann in der Schnell­bahn beob­ach­tete, der mit einer Lupe einen Zettel studierte, auf dem Schrift­zei­chen zu erkennen waren, so klein, dass ich nicht vorzu­stellen wagte, ein mensch­li­ches Wesen könnte sie von Hand auf das Papier aufge­tragen haben. Der Mann schien sehr müde gewesen zu sein, und ich dachte: Ein Mensch, der in dieser Weise schreibt, schreibt leise, warum? – stop
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verwandlung

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echo : 0.52 UTC – Vor wenigen Tagen führte ein Gedan­ken­aus­tausch mit einer Person, die mir in der digi­talen Sphäre begeg­nete, zu einer selt­samen Situa­tion. Später Abend. Ich stand in der Küche und schaute aus dem Fenster und über­legte, ob es sein kann, dass ein Mensch, der meinen tatsäch­li­chen Namen nicht kennt, weil ich mit ihm unter einem Deck­namen disku­tierte, in der Lage sein könnte, heraus­zu­finden, wer ich tatsäch­lich bin, in welcher Stadt ich wohne, in welcher Straße noch dazu. Er hatte mich nämlich als ein Tier bezeichnet, nachdem ich ihn fragte, ob er denn jemals mit einem Menschen, der in Afrika geboren worden war, persön­lich gespro­chen habe. Er schrieb: Du Zecke, so können nur Schma­rotzer fragen. Ich antwor­tete, ich müsse doch annehmen, dass er sehr viele afri­ka­ni­sche Menschen kenne, weil er doch andau­ernd über sie schreiben würde, dass man oder gar er persön­lich inzwi­schen daran gewöhnt sei, dass Afri­kaner Babys Köpfe abschneiden. Und schon wollte er mich besu­chen, nicht sofort, in ein paar Tagen, viel­leicht in der kommenden Woche, er würde mir dann das Licht ausknipsen. Deshalb stand ich in der Küche und über­legte. Es war kurz nach Mitter­nacht. – stop

0.22 utc

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delta : 0.22 UTC – Eine mecha­ni­sche Schreib­ma­schine, die die chine­si­sche Sprache zu buch­sta­bieren vermag, soll über etwa 3000 Zeichen verfügen und 16 Kilo­gramm schwer sein. Eine wunder­volle Vorstel­lung. Wie lange Zeit würde ich für Zeichen­suche benö­tigen, um auf ihr das Wort Belug­a­po­saune zu formu­lieren? – stop
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brooklyn : february house

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nordpol : 23.56 UTC – Wenige Wochen vor einer Reise nach New York brach ich mir den rechten Arm. Das ist jetzt bereits einige Jahre her, der kompli­zierte Bruch ist gut verheilt, ich kann ohne Beschwerden wieder mit der Hand notieren. Damals aber waren meine Bewe­gungen unge­lenk, ich schrieb wie ein Kind mit sehr großen Buch­staben. Einige dieser Zeichen entdeckte ich am späten Abend in Carson McCul­lers selt­samer Erzäh­lung Die Ballade vom trau­rigen Café. Auf der Seite 52 des Buches hatte ich zwei Wörter vermerkt: February House. Ich erin­nerte mich, dass ich damals den Entschluss fasste, einer Spur der Dich­terin in New York zu folgen. Ich schrieb um Wochen verzö­gert und noch immer unter Schmerzen: Weil ich nur sehr schwer­fällig mit der Hand in mein Notiz­buch schreiben kann, notiere ich während des Lesens, indem ich in Gedanken wieder­hole, was zu tun ist in den kommenden Stunden. Nach­for­schen in der Digi­talen Sphäre. Wo genau, in welcher Straße, in welchem Haus wohnte Carson McCul­lers in Brooklyn? Ist denkbar, dass die junge Dich­terin tatsäch­lich drei Wochen benö­tigte, um das Subway-System der Stadt New York verlassen zu können? Oder suchte sie in eben diesem Raum der Zeit nach ihrer Wohnung, die sie nicht wieder finden konnte, weil sie mittellos und ohne genauere Orts­kenntnis in einem U-Bahn­wagon zurück­ge­lassen worden war. Wie viele Dollar kostete eine Flasche Whiskey im Jahr 1934? Wie viel ein Taxi? – Wenn ich in Gedanken notiere, wieder­hole ich drei­fach, was ich mir zu merken wünsche. Verlo­renes, das könnte sein, bemerke ich nicht. Oder nur einen Schatten ohne Wörter. – stop

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zu washington

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MELDUNG. Zu Washington im Opern­haus, 2700 F Street, werden am Mitt­woch­abend, 2. Mai 2018, zwei San-Lorenzo-Harlekin-Frösche, letzte ihrer Art, öffent­lich auf zentraler Bühne zur Spren­gung gebracht. Zündung des männ­li­chen Tieres um 22 Uhr Orts­zeit, Zündung des weib­li­chen Tieres um 22 Uhr 30. Die Vorstel­lung ist ausver­kauft. – stop

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prozedur

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kili­man­dscharo : 20.02 UTC – 1 Mal im Jahr, stelle ich mir vor, wird Mr. Hemingway (Name erfunden) seine Schreib­ma­schine zerlegen, um jedes ihrer Einzel­teile zunächst zu säubern, zu betrachten und in feine Maschi­nenöle zu tauchen. Eine zeit­auf­wän­dige Prozedur, größte Sorg­falt wird geboten sein, denn die Schreib­ma­schine ist kostbar. Schon der Groß­vater, ein äußerst gebil­deter Mann, soll auf ihr notiert haben, weshalb sie sozu­sagen mittels der Zeichen, die sie auf allerlei Papiere drückte, weit in der Welt herum gekommen war. Wie nun präzise, frage ich, wird Mr. Hemingway seine Schreib­ma­schine in ihre Einzel­teile zerlegen, wie wird er vorgehen? Viel­leicht, indem er zunächst einen Plan entwi­ckeln wird, der einzelne Schritte der Zerle­gung (Demon­tage) derart verzeichnet, dass sie später einmal in rück­wir­kender Art und Weise nach­voll­zogen werden könnten (Montage). Sehr viele Schräub­chen, Tasten, Zahn­räder werden zu berück­sich­tigen sein, 328 Teile insge­samt. Würde nur eines dieser Schräub­chen, Tasten oder Zahn­räder, zu Boden fallen und verschwinden, wäre es um die Schreib­ma­schine geschehen, aus und vorbei. Eine riskante Geschichte. – stop

haus ohne türen

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india : 0.15 UTC – Ich träumte von einem Haus ohne Fenster, ohne Türen. Die Zimmer des Hauses waren von strah­lend hellem Licht. Das Licht kam aus dem Boden, den Wänden, von der Decke. Auf dem Boden kauerte ein Mann. Der Mann schien darauf zu warten, dass es endlich wieder Dunkel werden wird. Seine Augen waren entzündet. Er stand auf, suchte nach einem Schalter, um das Licht zu löschen. Vögel lebten in den Zimmern des Hauses, hunderte sehr kleine Vögel. Sie flogen herum, ohne jemals zu landen. Wenn der Mann einen der Vögel fing, war er sofort gebraten, er dampfte in seinen Händen, das Gefieder löste sich wie von selbst vom Leib und fiel zu Boden. – stop

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