japan

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romeo : 18.22 UTC – Bohumil Hrabal notiert in seinen Arbeits­heften, er sei mit allem, was sich vor seinen Augen abspiele, unver­züg­lich durch einen festen Schlauch verbunden, wie das Kind durch die Nabel­schnur mit dem Leib seiner Mutter. – Auch meine Schreib­ma­schine scheint, während ich notiere, der elek­tri­schen Welt mittels hunderter Ping – Fäden verbunden zu sein. Ihre heim­li­chen Blicke. Oder heim­liche Blicke zu ihr hin. Um 18 Uhr 15 MEZ meldet mein Netz­werk­mo­nitor 1180 aktive Verbin­dungen in alle Welt: Nach China, in die Verei­nigten Staaten von Amerika, nach Austra­lien, Schweden, Däne­mark, Argen­ti­nien, Kanada, Irland, Italien, Rumä­nien, Rußland, Japan. stop –  Beun­ru­hi­gende Geschichte. – stop
ping

jonathan

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echo : 20.12 UTC – Ich habe Jona­than unge­fähr drei Jahre lang nicht gesehen. Als ich ihm zuletzt begeg­nete, erzählte er von einem Film, der ihn hörbar beein­druckt hatte. Er sprach damals so schnell und aufge­regt, dass ich ihm nicht folgen konnte. Ich dachte nur immer wieder: Jona­than, dass Du so schnell und unent­wegt spre­chen kannst, wo hast Du das gelernt? Vor wenigen Minuten setzte sich Jona­than im Zug zu mir und ich machte mich auf eine weitere rasende Geschichte gefasst. Es war aber ganz anders gekommen, er sprach zunächst kaum ein Wort: Hallo Louis, lang nicht gesehen. Kurze Pause. Ja, ich arbeite noch immer in der Nacht. Lange Pause. Fünf Minuten schwieg Jona­than. Er sah zu seinen Händen hin, die in seinem Schoß ruhten. Dann begann sich seine linke Hand behutsam zu bewegen. Seine rechte Hand indessen war geöffnet. Jona­than schien einen Text zu schreiben auf einer nicht sicht­baren Tastatur, die dort für ihn sichtbar sein musste. Weitere fünf Minuten vergingen in dieser Weise des Notie­rens. Plötz­lich hörte er auf zu schreiben. Er führte seine rechte Hand unter seine linke Hand und begann zu lesen. – stop

ghost biblace

picping

MELDUNG. Auto­mo­bile, folgende, wurden nach einem Kauf­haus­be­such zu London in Martha B., 93, vorge­funden : Magen – 1 Bugatti 57 [ 1936 ], 1 Alfa Romeo Sprint [ 1950 ], Dünn­darm – 1 Jaguar Mark Two [ 1963 ], Dick­darm – 1 Rolls-Royce Silver Ghost Biplace [ 1911 ]. Wiederum wurde die Durch­su­chung des hoch­be­tagten Bauches von den Royal Courts of Justice zwin­gend ange­ordnet. – stop

ping

verschwinden

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ginkgo : 0.01 UTC – Vor Kurzem, vor fünf­zehn Minuten präzise, ist mir eine merk­wür­dige Geschichte mit mir selbst passiert. Ich hatte diese Geschichte bereits vor Jahren genau so erlebt, wieder also vor dem Compu­ter­bild­schirm. Ich beob­ach­tete, wie ein Server Zeile um Zeile meldete, welche Datei einer digi­talen Arbeit gerade aus der lesbaren Welt in eine nicht­les­bare Welt beför­dert wird, als ich bemerkte, dass mir das Löschen gefällt, dass auch das Verschwinden, Zeile für Zeile, reiz­voll sein kann. Für einen kurzen Moment hatte ich die Idee, dass der Server, nachdem er meine Geschichte zu Ende gelöscht haben würde, auf mich selbst zugreifen könnte, also die Person des Autors zu sich holen und löschen, wie kurz zuvor die Gedan­ken­ar­beit zweier Tage. Womit, fragte ich, würde er beginnen? Mit einer meiner Hände even­tuell, oder mit meinen Augen oder mit meinen Ohren? Wie würde sich dieses Verschwinden bemerkbar machen? Würde ich den Eindruck haben, leichter zu werden, oder würde ich viel­leicht vergeb­lich nach einem Blei­stift greifen, weil meine zupa­ckende Hand licht­durch­lässig geworden ist? – stop
ping

warten auf schnee

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india : 15.05 – Ein weiterer Versuch an diesem winter­li­chen Samstag, die Zeit vorzu­stellen, das heißt, die Zeit einer Minute zu messen oder zu fühlen oder zu denken, ohne eine Uhr zur Hilfe zu nehmen. Natür­lich werde ich die Genau­ig­keit meiner geis­tigen Messung prüfen, in dem ich nach Ablauf einer Minute, einer vorge­stellten Minute, die tatsäch­lich verstri­chene Zeit vom Ziffer­blatt einer kleinen Stoppuhr lese, die ich in dem Moment mit einer Hand­be­we­gung in Gang setze, da ich denke: Jetzt, genau jetzt, ist die Zeit einer Minute ange­bro­chen. Nein, ich zähle nie bis sechzig, auch nicht bis dreißig! Und die Arbeit der Uhr, die in meiner Hand der Minu­ten­zeit eine gültige Gestalt verleiht, ist nicht zu spüren, nicht zu hören. Ich habe fest­ge­stellt, dass die Minu­ten­zeit des Morgens kürzer ist als die Minu­ten­zeit des Abends an derselben Stelle. – Kein Schnee nach wie vor, nicht eine einzige Flocke. – stop

gramm

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sierra : 15.28 UTC – Das Wort Schnee­licht in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Schnee­licht denke. Wie viel Gramm? – stop
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edison

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delta : 2.15 UTC – Einmal, als Nacht war in der Zeit der Nacht­ar­beit vor Jahren, stellte ich die Frage, wann Mittag sei in der Nacht? Und wann der Abend beginnt? Ich stand auf, vertrat mir die Beine, lief vor dem Bücher­regal hin und her, entdeckte ein Edison­buch, eines aus der Kinder­zeit, saß auf dem Sofa, las und schaute, wie man Glüh­birnen macht? Zunächst macht man einen gläsernen Behälter für das Licht und dieses Glas nun glüht in einem sehr warmen oran­ge­far­benen Ton und ist flüssig und irgendwie sehr heiß, denn die Männer, die an ihm arbeiten, tragen kräf­tige Hand­schuhe, ihre Gesichter sind zum Schutz mit feuchten Tüchern verbunden. Bald war ich einge­schlafen. -s top
ping

ping

eine stimme

pic

sierra : 14.15 UTC – Regen und Sonntag. Ich hatte Mutter ange­rufen. Sie war unter­wegs gewesen, viel­leicht im Garten, viel­leicht in den Bergen. Nach 10 Sekunden schal­tete sich der Anruf­be­ant­worter an. Eine Stimme, die die Stimme Mutters war, meldete vertraut: Hier ist der Anschluss von Paula und Jürgen. Ich sagte sofort meinen kleinen Spruch auf: Hallo, seid Ihr zu Hause? Wie geht es Euch? Mir geht es gut. Es regnet. Als mein Vater gestorben war, hatte ich immer wieder einmal gedacht, wie seltsam ist, dass meine Mutter, solange sie nicht bei sich selbst anrufen wird, nicht bemerken würde, dass ihre Begrü­ßung anru­fende Freunde irri­tieren könnte. Ich über­legte, ob ich Mutter nicht viel­leicht bei Gele­gen­heit darauf aufmerksam machen sollte, dass wir eine weitere Tonband­auf­nahme anfer­tigen könnten. Der Eindruck unver­züg­lich, ich würde meinen Vater durch diese Hand­lung distan­zieren, einen Geist hinaus­werfen aus dem Haus, in dem er weiter­lebt in seinen Spuren, in unseren Erin­ne­rungen. Da ist noch immer sein Stuhl und da ist noch immer sein Computer. Und da sind seine Garten­schuhe, seine Schall­platten, seine Bücher und im Teich werden bald wieder Rosen blühen, Seerosen, weiß und rosa, die vor langer Zeit einmal von seiner Hand ins Wasser gesetzt worden waren. Ja, so war das gewesen. Heute wieder Regen und Sonntag. Und da sind nun Mutters Sommer­schuhe verwaist und ihre Winter­stie­fel­chen neben der Tür zum Garten. In einer Schub­lade in der Küche werde ich bald Mutters Blei­stifte finden und Mutters Brillen und Rezepte von eigener Hand für Kuchen und Plätz­chen für das Weih­nachts­fest vor zwei Jahren. In einer weiteren Schub­lade ruhen ihr Reise­pass, ihr Geld­beutel, ihr Tele­fon­buch, Broschen und Wander­karten durch die Wälder am See. Und da ist ihre helle Stimme, ich weiss, dass sie im Telefon zu warten scheint, eine Stimme, die noch möglich ist. – stop

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