brooklyn : verrazano

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char­lie : 0.25 — Geträumt in ein­er Nacht im Jan­u­ar 2012, das Fährschiff John F. Kennedy wäre der Küste Stat­en Islands ent­lang unter Ver­razano-Nar­rows Bridge hin­durch aufs offene Meer hin­aus­ge­fahren. Das Schiff sollte längst in Europa eingetrof­fen sein. — stop

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im windhaus brillen

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india : 15.12 UTC — Im Haus mein­er Eltern habe ich 18 Brillen ent­deckt. Sie waren geputzt. Da und dort ein Fin­ger­ab­druck. 4 Brillen für die Welt. 14 Brillen für Büch­er und Zeitung. Brillen wie Schuhe und Hüte, sehr nah wie von Zeit­fä­den an meine Tage genäht. — stop
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washington

picping

MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 312 hupende Rüs­sel­rosen, im Potomac Riv­er nahe Alexan­dria gesichtet. Man patrouil­liert in kreisender Bewe­gung langsam nord­wärts. — stop
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lebenszeichen

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india : 11.28 UTC — Da sind Ther­mome­ter­w­erkzeuge, 5 + 1, zur Mes­sung der Tem­per­a­turen eines Zim­mers. Und flack­ern­des Regen­licht, das von den Fen­stern her kommt. Ein Com­put­er­bild­schirm, in dem sich der Com­put­er selb­st befind­et, zulet­zt vor fünf Jahren angeschal­tet. Auf dem Schreibtisch ruhen anatomis­che Büch­er, gedruckt in den 20er Jahren des ver­gan­genen Jahrhun­derts, bit­ter­er Duft steigt auf, sobald sie geöffnet sind. Das Hand­buch eines Opel-Reko­rd und eine Blech­dose, drin sind Liebes­briefe: Meine Lieb­ste, wie ich mich nach Dir sehne! Eine Zigar­ren­schachtel weit­er­hin voller Brief­marken des deutschen Reich­es, die der Junge noch sam­melte. Ein Kinder­buch: Zwei Pin­guine winken. Ein Gerät, das den Strom zu ver­messen ver­mag, haardün­ner Zeiger. Eine Karte der Stadt Liss­abon und Fahrkarten ein­er Straßen­bahn, die in Liss­abon noch immer anzutr­e­f­fen ist. Zwei Men­schen waren dort, die Liss­abon liebten. Dem Jun­gen, der Liss­abon später ein­mal lieben sollte, gehörten zwei Schul­büch­er, er wird später ein Dok­tor der Physik und ein Verehrer Andrei Sacharows. Sein Vater war Arzt gewe­sen, deshalb auch Skalpelle auf rotem Samt und eine Schachtel, in welch­er sich Objek­t­träger befind­en. Dort Spuren, die gel­blich schim­mern. Und Dio­den und Wider­stände und Rechenkerne auf Plati­nen geschraubt. Auch Luft­post­briefe, die ein junger Stu­dent an sich selb­st oder seine Geliebte notierte, da waren sie noch nicht nach Liss­abon gereist, prächtige Marken und Stem­pel und Son­der­w­ertze­ichen der Bal­lon­post zu ein­er Zeit, als Express­briefe noch durch Eil­boten zugestellt wor­den waren. Eine Film­dose und noch eine Film­dose, die man nicht wagt im Regen­licht zu öff­nen. Auf einem Dia ist sehr klein eine junge Frau zu erken­nen, die vor dem World Trade Cen­ter in New York ste­ht. Sie ist dem Auge ihres Sohnes sofort bekan­nt. In ein­er Kladde ver­schnürt, Blät­ter eines Herbar­i­ums: Schlüs­sel­blume von Bleis­tiftbeschrif­tung umgeben, das war alles notiert am 24. VIII 1904. Auch zwei Funkan­ten­nen wie Füh­ler eines Insek­tes ohne Strom. Eine Postkarte ist da noch und immer noch Regen draußen vor den Fen­stern. Auf der Postkarte ste­ht in großen Buch­staben rot umran­det ver­merkt: Leben­sze­ichen von L.K. aus der Braubach­straße / 8. II. 44: Meine Lieben! Wir sind gesund und unbeschädigt. Marie & Fam­i­lie. — stop

vorübergehend

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sier­ra : 10.22 UTC — Heute am frühen Mor­gen tele­fonierte ich mit L., die sehr krank ist. Ich tippte ihre Num­mer und wartete am Fen­ster ste­hend. Ich wartete lange, ich wusste, dass L. Zeit brauchen würde, ihre Woh­nung zu durch­queren. Draußen fegte der Sturm durch die Bäume, Blät­ter sausten durch die Luft mal hin, mal her. An der Straßen­bahn­hal­testelle flo­gen blaue Funken auf, bald segelte eine Taube auf dem Rück­en vor­bei, da meldete sich L., das heißt jemand hob den Hör­er auf oder aktivierte das Tele­fon oder wie auch immer, dann krachte es und es war ganz still am Tele­fon. Nach Sekun­den war eine san­fte Maschi­nen­stimme zu hören: Ein Teil­nehmer hat das Gespräch vorüberge­hend ver­lassen. Es war kurz nach 7 Uhr. — stop
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bauci

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tan­go : 10.28 UTC — Regen gestern, ein Regen, der sprühte, beina­he Nebel. Ich spazierte im Park. Kaum ein Men­sch war unter­wegs im Park, von dem ich nicht erzählen darf, wo er sich präzise befind­et, damit nie­mand sagen kann, wo präzise ich selb­st mich befinde. Ich hat­te mir einen Regen­schirm gekauft für Regen­zeit, einen, den ich auch als Schneeschirm ver­wen­den kön­nte, einen robusten Schirm, etwas größer im Umfang, als gewöhn­liche Schirme, einen Schirm, der bewirkt, dass es schneien wird, sobald man ihn zur recht­en Zeit her­vor­holen wird. Ich spazierte also und las in Ita­lo Calvi­nos Samm­lung der unsicht­baren Städte. Bald stellte ich mir vor, wie ich in diesem Moment des Lesens nach sieben Tagen Fuß­marsches durch aus­gedehnte Wälder eine Stadt erre­iche, die ich nicht sehen kann, Bau­ci, aber ihre — dün­nen Stelzen, die sich in großen Abstän­den von der Erde erheben und über den Wolken ver­lieren, (sie) tra­gen die Stadt. Man gelangt mit Leit­ern hin­auf. / Auf der Erde erscheinen die Ein­wohn­er sel­ten. Sie haben schon alles Notwendi­ge oben, und kom­men lieber nicht herunter. Nichts von der Stadt berührt den Boden, ausgenom­men diese lan­gen Flamin­gob­eine, auf denen sie ruht, und an hellen Tagen ein durch­broch­en­er, eck­iger Schat­ten, der sich auf dem Blät­ter­w­erk abze­ich­net. / Drei Hypothe­sen stellt man über die Ein­wohn­er von Bau­ci auf, dass sie Erde has­sen, dass sie einen solchen Respekt vor ihr haben, jede Berührung zu mei­den, dass sie sie lieben, wie sie vor Ihnen gewe­sen, und nicht müde wer­den, sie mit abwärts gerichteten Fer­ngläsern und Teleskopen Blatt für Blatt, Stein um Stein, Ameise um Ameise zu mustern, und fasziniert ihre eigene Abwe­sen­heit zu betra­cht­en. — stop / aus: Ita­lo Calvi­no Die unsicht­baren Städte, Frank­furt 20134
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vogel

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echo : 18.18 UTC — Auf dem Weg zur Straßen­bahn habe ich heute ein Rotkehlchen gese­hen. Der kleine Vogel hock­te auf einem Ast in der Höhe meines Kopfes. Ich dachte, wie viele Jahre habe ich kein Rotkehlchen gese­hen? Auch das kleine Wesen schien ver­wun­dert zu sein, flog nicht davon. — Ist das eine Nachricht? — stop


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kleiner mann

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nord­pol : 18.16 UTC — Eine Samm­lung von Kerzen am Ende eines Bahn­steiges, Samm­lung von Rosen, Nelken, Tulpen, hun­derte Sträuße und Briefe in allen möglichen Far­ben und Sprachen: Mach’s gut, klein­er Mann! Immer wieder dieser Satz, es leuchtet auch am Tag, und Men­schen erscheinen oder bleiben ste­hen. Sie sind still, weil ein Kind von einem Zug über­fahren wurde, weil ein ver­wirrter Mann das Kind vor einen Zug gestoßen hat­te, ein Mann, der in Afri­ka geboren wurde, weswe­gen auch sehr böse Per­so­n­en immer wieder ein­mal böse Sätze über Haut­far­ben und Men­schen aus der Fremde sagen. Meist aber ist es still, auch deshalb, weil die Fotoap­pa­rate heutzu­tage Tele­fone sind, die sich auch wie Fotoap­pa­rate benehmen, man hört nicht, wenn sie das Licht ein­fan­gen. Es wird viel fotografiert, vielle­icht weil es hier berührt, hun­derte Ted­dy­bären. Eine Frau, sie trinkt aus ein­er kleinen Flasche Cognac, neben ihrem Roll­stuhl kauert ein Hund. Die Frau sieht elend aus, weint: Das arme Kind, sagt sie, und dass die hier fotografieren, das auch noch. Furcht­bar ist das. Dann fährt sie davon, sehr dicht an der Bahn­steigkante ent­lang, Tage später ist vor Ort nichts mehr zu sehen, aber die Bilder in dig­i­tal­en Kam­mern, auch vom Jun­gen, vom kleinen Mann, ein Bild, eine Fälschung. — stop
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paperwhite

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echo : 15.12 UTC — Esmer­al­da erzählte im Zug zur Arbeit, sie lese schon seit drei Jahren an einem Buch in ihrem Kin­dle “Paper­white” Lesegerät, das von Reisen durch die Stadt New York erzäh­le. Du liest langsam, frage ich. Nein, antwortete Esmer­al­da, ich bin eine geübte Leserin, ich glaube, ich werde immer schneller. Das Buch ist wohl sehr umfan­gre­ich, fuhr ich fort, wer hat es denn geschrieben, wollte ich wis­sen. Ein Spaziergänger namens L., sagte sie, es heißt, das Buch sei noch gar nicht fer­tig, son­dern würde immer weit­er fort geschrieben, während andere es bere­its lesen. Das ist eine gute Erk­lärung, antwortete ich, kann ich ein­mal sehen? Esmer­al­da reichte mir das Lesegerät, das leicht war wie eine Tafel Pop­corn­schoko­lade, dort tat­säch­lich schönes Papier­licht wie geschäl­ter Reis. Ich las: Fre­itag. Es ist Fre­itag gewor­den. Fahre im Zug der Sta­ten Island Rail­way ans Ende der Welt durch bors­ti­ge Land­schaft. Ort­schaf­ten, die sich ähn­lich sind, Häu­ser von Holz, ein oder zwei Stock­wer­ke hoch, hel­le Far­ben, Gär­ten, klein und von Holz­wän­den umzäunt, als woll­ten die Bewoh­ner die­ser selt­sa­men Gegend ein­an­der nicht sehen, nicht hören. Kirch­turm­spit­zen, Tank­stel­len, Fabri­ken, Stra­ßen ohne Ende, eine eiser­ne Wild­nis, in wel­cher Öltanks und Schrott­ber­ge wie Pil­ze aus kar­gen Wäl­dern wach­sen. Durch die­se Men­schen­land­schaft schau­kelt der Zug, dass man sich fest­hal­ten muss. Auf einem Schiffs­dock liegt ein Schau­fel­rad­damp­fer, den ich sofort mit mir neh­men wür­de, wenn ich ihn in mei­ne Hosen­ta­sche ste­cken könn­te. Frie­ren­de Men­schen stei­gen ein und frie­ren wei­ter. Aus ein­er Tasche ragt die damp­fen­de Schwanz­flos­se eines gekoch­ten Fis­ches. Kon­duk­teu­re wan­dern von Abteil zu Abteil, schla­gen Eis von den Türen. Und da ist die­ser wil­de Kerl, läuft rufend und sin­gend im Wag­on auf und ab. Gefro­re­ne Möwen fal­len vom Him­mel. Tomp­kins­vil­le. Gre­at Kills. Atlan­tic. - stop
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