ilse aichinger

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5.38 — Es soll jet­zt Ton­filme geben. — Das war ein rät­sel­hafter Satz. Und es war ein­er von den ganz weni­gen rät­sel­haften Sätzen der Erwach­se­nen, die mich nicht losließen. Einige Jahre später, ich ging schon zur Schule, sagte die jüng­ste Schwest­er mein­er Mut­ter, wenn wir an den Son­nta­gen zu mein­er Groß­mut­ter gin­gen, bei der sie lebte, fast regelmäßig am späten Nach­mit­tag: > Ich glaub, ich geh jet­zt ins Kino. < Sie war Pianistin, unter­richtete für kurze Zeit an der Musikakademie in Wien und übte lang und lei­den­schaftlich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehn. Ihr Kino war das Fasank­i­no. Es war fast immer das Fasank­i­no, in das sie ging. Sie kam fröstel­nd nach Hause und erk­lärte meis­tens, es hätte gezo­gen und man könne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasank­i­no nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich, und der holte sie gemein­sam mit mein­er Groß­mut­ter im Ver­nich­tungslager Min­sk, in das sie deportiert wur­den. Es wäre bess­er gewe­sen, sie hätte ihn sich im Fasank­i­no geholt, denn sie liebte es. Aber man hat keine Wahl, was ich nicht nur bezüglich des Todes, son­dern auch bezüglich der Auswahl der Filme zuweilen bedauere, wenn meine lieb­sten Filme plöt­zlich aus den Kino­pro­gram­men ver­schwinden. Obwohl ich es gerne wäre, bin ich lei­der keine Cineast­in, son­dern gehe sechs oder sieben­mal in densel­ben Film, wenn in diesem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaften von Eng­land oder Neueng­land auf­tauchen oder die von Frankre­ich, denen ich fast eben­so zugeneigt bin. Ilse Aichinger : Mitschrift

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