PRÄPARIERSAAL : whiteout

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nordpol : 22.28 – An einem Morgen, da es heftig schneite, erzählt Silja im Präpa­rier­saal von einer Erschei­nung, die bei ihr zu Hause, in Schweden auf dem Lande, zur alltäg­li­chen Erfah­rung werden kann. Wenn das Schnee­licht unter Wolken den Hori­zont verbirgt, wenn der Ort, an dem man sich befindet, gren­zenlos zu sein scheint: Das große Weiß. Auch im Präpa­rier­saal, hell beleuchtet, habe sie immer wieder beob­achtet, ihre eigene Posi­tion in Raum und Zeit für Momente zu verlieren: > Es ist so hell in diesem Saal, dass ich manchmal meine Posi­tion in Raum und Zeit für Sekunden zu verlieren scheine, Schnee­licht, ein Licht, das ich von Schweden her kenne, das große Weiß, das den Hori­zont verbirgt. Ich präpa­riere an dem Körper einer Frau. Ich glaube, sie ist mir vertraut geworden. Wenn ich morgens zu ihr komme habe ich den Eindruck, sie bereits lange Zeit zu kennen. Sie scheint sehr geduldig zu sein. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese tote Frau auf uns wartet. Ich hatte in den ersten Tagen des Präpa­rier­kurses die Vorstel­lung, sie würde uns zuhören oder schlafen und träumen. Und wir bewegen uns also behutsam, als wären wir sehr junge Eltern, die ein uraltes Kind behüten. Ist das nicht seltsam? Ich habe immer wieder die Empfin­dung von Ruhe, von Stille, von Schlaf. Ich über­legte was wäre, wenn wir den Körper dieser alten Frau nicht unter­su­chen, nicht zerlegen würden, sondern nur sehr sorg­fältig pflegen. Wir würden dann viele Jahre, Tag für Tag und Morgen für Morgen, in den Saal kommen und sie umsorgen, damit sie uns nicht zerfällt. Wir würden sie vor dem Licht der Sonne schützen, vor Pilzen, und wir würden sie befeuchten, wir würden sie davor bewahren, zu Staub zu werden. Irgend­wann wäre sie dann jünger als wir selbst, ich meine, ihre Erschei­nung. Ich finde manchmal sehr merk­würdig, dass ich so etwas denke. – stop
mikroskop

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