geräusche des krieges

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nordpol : 2.37 – Immer wieder einmal begegne ich im Nachtzug einem Mann, der singt. Der Mann singt sehr leise, kaum jemand scheint sich von seinem Singen gestört zu fühlen. Während er singt, sind seine Augen weit geöffnet, er blickt ins Leere, sein Mund ist geschlossen, Töne, die wir vernehmen, kommen aus seinem Hals heraus, der bebt, wenn er singt. Nur selten habe ich mit dem Mann gespro­chen, man kennt sich, man fährt in der Nacht im selben Zug in der selben Rich­tung, es ist mühsam mit ihm zu spre­chen, weil er stot­tert. Ich darf ihn nicht ansehen, wenn ich ihn nicht ansehe, kommen manchmal ganze Sätze aus seinem Mund. Ich weiß jetzt, dass der Mann in der persi­schen Stadt Isfahan geboren wurde, Archi­tektur studierte, gegen iraki­sche Männer kämpfte, die jung waren wir er selbst, und dass er nur durch einen Zufall über­lebte. Er konnte fliehen. Er floh zu Fuß in die Türkei, eine lebens­ge­fähr­liche Reise, Sahin, seine Frau, wurde von irgend­je­mandem ange­schossen, er trug sie kilo­me­ter­weit durchs Gebirge, nahe der Grenze begeg­neten sie einem Esel, dem ein Bein fehlte. Sie schliefen unter einem Baum ohne Blätter, in der Nacht schleppten sie sich weiter, der Mond war heiß wie die Sonne und auf den Wegen hockten Schild­kröten mit blau schim­mernden Augen. Manchmal kommen die Geräu­sche vom Krieg, sie kommen wann sie wollen, dann singt der Mann. – stop

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