nachtvogel

14

 

 

nordpol

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : NACHTVOGEL

Eine merk­wür­dige Novem­ber­nacht neigt sich dem Ende zu. Ich habe, liebe Daisy, liebe Violet, in den vergan­genen Stunden mehr­fach den Versuch unter­nommen, einen Vogel von blauem Gefieder, der ein paar Runden durch meine Wohnung geflogen war, aufzu­fangen, das heißt, meine Hände in einer Weise darzu­bieten, dass der Vogel auf ihnen landen konnte, ohne auf den Boden zu fallen. Ich dürfte eine kuriose Erschei­nung gewesen sein, wie ich mich verrenkte, wie ich dem Vogel folgte, wie ich Geräu­sche machte, als könnte ich in der Sprache der Vögel spre­chen. Und jetzt ist es bald fünf Uhr und der Vogel ist immer noch hier. Er flat­tert herum, ein ausdau­erndes Geschöpf von der Größe eines Tennis­balles, oran­gen­far­bene Augen, gelber Schnabel, ein sehr beson­deres Wesen, weil es sich um einen Vogel ohne Füße handelt. Sicher werdet Ihr Euch fragen, wie es möglich sein kann, dass der Vogel ohne seine Füße über­leben konnte, dass er nicht längst in irgend­einer Ecke zerschellte, und über­haupt, wie es dazu gekommen war, dass der Vogel seine Füße verlor. Das alles liegt noch völlig im Dunklen. Ich habe keine Ahnung, nicht die geringste Vorstel­lung, so dass ich nun warten muss, solange warten, bis mir etwas einfällt, das noch fehlt, um voll­ständig werden zu können. Wie geht es Euch über­haupt? Denkt Ihr noch an die Frage, die ich Euch unlängst stellte? Ich wollte wissen, ob Ihr dort Oben für die Ewig­keit noch immer leib­lich mitein­ander verwachsen seid? – Euer Louis, sehr herz­lich, wünscht einen guten Tag!

gesendet am
11.11.2010
5.05 MESZ
1512 zeichen

louis to daisy and violet »

ping

ping

ping

Kommentar verfassen

ping
Top