manhatten / hippodrom

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delta

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : HIPPODROM

Liebe Violet! Liebe Daisy! Ich grüße Euch ganz herz­lich. Ich hoffe, Ihr seid fröh­lich! War gestern lange spazieren, folgte dem Duft­faden der Kohle­öfen durch die Stadt. Und wie ich so ging, dachte ich an Euch, weil ich wieder einmal Foto­gra­fien betrachtet hatte, die Euer Lachen zeigen, eine Freude, die mir so wirk­lich zu sein scheint, obwohl ich manchmal denke, dass ihr doch unglück­lich gewesen sein könntet, genau in dem Moment unglück­lich, als Euer gesam­meltes Licht von einem Foto­ap­parat einge­fangen wurde. Vor wenigen Tagen, das will ich Euch rasch erzählen, ehe ich wieder an meine nächt­liche Arbeit gehen werde, habe ich gelesen von Euerem Enga­ge­ment 1924 in New York. Wie nur konnte man Euch das antun! Eine Arena, groß wie ein Base­ball­sta­dion, das Hippo­drom, und dort ihr zwei kleinen Wunder­wesen im blen­denden Licht der Schein­werfer. Euer Zittern, Euer Beben. Bald einmal werde ich Manhattan besu­chen. Ich habe den Ort des Verge­hens an Euch in meinem Spazier­plan vermerkt. Ich werde, verspro­chen, die Gegend für Euch foto­gra­fieren. Eine aufre­gende Geschichte, ich bin mir sicher, vom Verschwinden, wird sich wie von selbst notieren. – Euer Louis.

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7.11.2009
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twins2

avenue of the americas

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india

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : AVENUE OF THE AMERICAS

Ich muss Euch nicht erzählen, wo ich mich gerade befinde, liebe Violet, liebe Daisy, ich hör Euere Stimmen, hör wie Ihr scherzt, was macht er nun schon wieder, warum ist er einge­schlafen, das muss ein betäu­bendes Buch gewesen sein. Nun also bin ich wach geworden. Ich notiere diese Sätze in dem Wissen, dass Ihr lesen werdet, Zeichen für Zeichen, wie in diesem Augen­blick erscheint, was ich schreibe. Das Notieren ist so etwas wie das Sicht­bar­ma­chen des Denkens, nicht wahr, so könnten wir das viel­leicht sagen. > …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

… > Spazierte in Euerer Ange­le­gen­heit, wie verspro­chen, durch Manhattan. Ich hatte meinen kleinen Foto­ap­parat in der Hand, stand mitten auf der Avenue of the Americas, um das neue Hippo­drom-Gebäude abzu­lichten. Auch das wisst Ihr natür­lich, wie wir dann Rich­tung Bryant Park spazierten, unser Gespräch über geheime Tenta­keln der Bäume, die den Lärm der Stadt aus der Luft zu fangen scheinen. Und mein Begehren, gewiss, ein Eich­hörn­chen zu fangen, das warme Licht des hupenden Abends, meine Über­le­gung, wie ich Euch eines Tages einmal persön­lich begegnen könnte, und mein Verspre­chen, ein weiteres Euerer Jugend­bilder zu senden. Was Euch nicht bekannt sein wird, weil ich’s nur dachte, ich hatte in all den gemein­samen Stunden eine verwe­gene Frage in meinem neugie­rigen Kopf. Nun, es ist kurz nach Mitter­nacht, werde ich diese Frage für Euch buch­sta­bieren, unsi­cher ein wenig, was geschehen wird, ob ich Euch nicht zu Nahe komme, so dass Ihr aus meinen Augen verschwinden werdet. Gebt gut acht! Es ist nämlich so, dass ich mich frage, wie auch immer die Räume beschaffen sind, die für Euch ausge­dacht, ob Ihr dort Oben für die Ewig­keit noch immer leib­lich mitein­ander verwachsen seid? – Euer Louis, sehr herz­lich, wünscht eine gute Nacht!

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18.05.2010
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ping

coney island

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bamako

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : CONEY ISLAND

Nie vermag ich auszu­malen, wo ihr Zwei gerade seid. Ja, so ist das, nein, nein, ich habe keine Ahnung, keine Vorstel­lung, liebe Daisy, liebe Violet, könnte die Welt umrunden, zu Fuß oder auf den Rücken der Kamele, zu keiner Zeit würde ich Euch begegnen, nicht eine Sekunde, kein Blick aus dem Fenster eines abfah­renden Zuges, Eure lächelnden Gesichter, Euer Winken, zwei Küsse durch die Luft, nein, nein, niemals, nicht wirk­lich, keine Ahnung habe ich, keine Vorstel­lung, und doch seid ihr nah, so nah, dass ich Euch schwe­bende Orte schenkte in Gedanken, einen schwe­benden Tisch, eine schwe­bende Schreib­ma­schine, ein schwe­bendes Sofa, und diesen weiten Blick aufs wilde Meer, auf blühende Gärten, ein Lächeln. Gestern arbei­tete ich im Park unterm Regen­schirm. Ich hatte meine Schreib­ma­schine auf eine Hand gestellt, dort wartete sie lange Zeit. Dann schrieb ich ein Wort, aber kein weiteres Wort. Nur Geduld, dachte ich, nur Geduld. Habt Ihr, liebe Violet, liebe Daisy, bemerkt, dass ich Euch Bohumil Hrabals Geschichte der Katze Autitschko öffnete. Ich legte das kleine Buch neben mich auf die Bank, blät­terte und wartete, meinte, Euch rufen zu hören: Wir lesen, Louis, schneller als du denkst! – Ein großer Augen­blick meines kleinen Lebens.

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8.06.2010
22.08 MESZ
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nachtvogel

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nordpol

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : NACHTVOGEL

Eine merk­wür­dige Novem­ber­nacht neigt sich dem Ende zu. Ich habe, liebe Daisy, liebe Violet, in den vergan­genen Stunden mehr­fach den Versuch unter­nommen, einen Vogel von blauem Gefieder, der ein paar Runden durch meine Wohnung geflogen war, aufzu­fangen, das heißt, meine Hände in einer Weise darzu­bieten, dass der Vogel auf ihnen landen konnte, ohne auf den Boden zu fallen. Ich dürfte eine kuriose Erschei­nung gewesen sein, wie ich mich verrenkte, wie ich dem Vogel folgte, wie ich Geräu­sche machte, als könnte ich in der Sprache der Vögel spre­chen. Und jetzt ist es bald fünf Uhr und der Vogel ist immer noch hier. Er flat­tert herum, ein ausdau­erndes Geschöpf von der Größe eines Tennis­balles, oran­gen­far­bene Augen, gelber Schnabel, ein sehr beson­deres Wesen, weil es sich um einen Vogel ohne Füße handelt. Sicher werdet Ihr Euch fragen, wie es möglich sein kann, dass der Vogel ohne seine Füße über­leben konnte, dass er nicht längst in irgend­einer Ecke zerschellte, und über­haupt, wie es dazu gekommen war, dass der Vogel seine Füße verlor. Das alles liegt noch völlig im Dunklen. Ich habe keine Ahnung, nicht die geringste Vorstel­lung, so dass ich nun warten muss, solange warten, bis mir etwas einfällt, das noch fehlt, um voll­ständig werden zu können. Wie geht es Euch über­haupt? Denkt Ihr noch an die Frage, die ich Euch unlängst stellte? Ich wollte wissen, ob Ihr dort Oben für die Ewig­keit noch immer leib­lich mitein­ander verwachsen seid? – Euer Louis, sehr herz­lich, wünscht einen guten Tag!

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11.11.2010
5.05 MESZ
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sekundenromane : nachts

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alpha

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : SEKUNDENROMANE : NACHTS

Für Stunden wieder versucht, zwei Buch­staben zur selben Zeit auf elek­tri­scher Schreib­ma­schine zu notieren, immer ist ein Zeichen um Bruch­teile von Sekunden schneller als das andere Zeichen auf dem Bild­schirm sichtbar geworden, niemals liegen sie über­ein­ander. – Guten Abend Ihr Zwei! Wenn Euch diese Nach­richt errei­chen wird, habe ich drei oder vier Tage bereits weiter­ge­lebt, das hoffe ich jeden­falls, bin glück­lich mit sehr wesent­li­chen Fragen beschäf­tigt, die meine Wahr­neh­mung der Zeit betreffen oder die Wahr­neh­mung einer mensch­li­chen Stimme im Schlaf, genauer, die Stimme eines schla­fenden Menschen, in dem sie hörbar wird in den Ohren eines wachenden Menschen für Sekunden, Wort­ge­räu­sche, welche sehr viel mehr als nur ein Wort in sich bergen, eine ganze Geschichte viel­leicht in jedem dieser Laute, wie sie zärt­lich aus nächster Nähe zu mir durch den dunklen Raum geflogen kommen, unver­gess­lich und doch nicht wieder­holbar, das Zirpen schnellster Erzäh­lung, Romane in Sekun­den­zeit, dann wieder Atem­züge, Meldungen des Lebens. >

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

> Ich hatte eine selt­same Idee, liebe Daisy, liebe Violet, ich über­legte, in dem ich nacht­wärts mit meiner Stirn an einem sanft­warmen, an einem träu­menden Rücken lehnend lauschte, ob ich nicht einen dieser beson­deren Laute aufzeichnen und an Euch über­mit­teln könnte, dorthin wo man viel­leicht zu spielen vermag mit der Geschwin­dig­keit der Zeit, wie sie sich bewegt, so dass Ihr mir bald einmal erzählen könntet, wovon gespro­chen wurde in dieser einen oder anderen Sekunde, an die sich die Schla­fende, nachdem sie erwachte, nicht erin­nern konnte. Und so habe ich eine kleine Samm­lung der Wort­ge­räusch­ro­mane für Euch aufge­zeichnet. Ich bitte Euch herz­lich, sie lang­samer, sie lesbar zu machen für mich. Anbei, wie verspro­chen, eine Minute gefilmter Zeit vom Laufen über den East River von Brooklyn aus nach Manhattan. Euer Louis, cucur­rucu, wünscht eine gute Nacht!

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14.01.2011
22.08 MEZ
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ohren gebraten

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tango

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : OHREN

In der vergan­genen Nacht hab ich von Euch geträumt. Hört zu! Wir spazierten am Atlantik an einem frühen Abend in der Dämme­rung. Schnee war gefallen. Eis schin­delte in der Bucht vor Coney Island, ein verrücktes Geräusch, eines, das ich nicht beschreiben kann, viel­leicht weil das Geräusch so flüchtig gewesen war, dass ich nichts fest­halten konnte von seiner Substanz in meiner Erin­ne­rung, obwohl uns das Geräusch über Stunden beglei­tete. Ihr hattet rote Stiefel an den Füßen und wart in Pelze gewi­ckelt, viel zu groß, so dass man Euch kaum noch sehen konnte. Einmal wachte ich auf, sah mich im Zimmer um, schlief dann sofort weiter, weil ich Euere hellen Stimmen noch hören konnte. Ihr hattet Euch in der Nähe einer fahr­baren Bude in den Schnee gesetzt. Feuer flackerten in Fässern. Unweit lag ein Walfisch im Wasser ohne Haut. Über den Flammen schau­kelten Pfannen, in welchen mensch­liche Ohrmu­scheln in der Hitze sausten. Das Krachen, das Knis­tern des knusp­rigen Flei­sches zwischen unseren Zähnen beglei­tete mich durch den vergan­genen Tag, der ein Tag gewesen war, da ich bald stünd­lich die Gegen­wart meiner Wach­ohren prüfte. Nie zuvor habe ich mir vorzu­stellen versucht, wie ich selbst oder meine Ohren, – nein, das ist schon eine ganz andere Geschichte, die ich Euch nur dann erzählen werde, wenn Ihr mir schreiben solltet, dass ihr sie unbe­dingt hören wollt. Euer Louis, gute Nacht!

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27.05.2011
8.48 MESZ
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segelohren

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india

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : SEGELOHREN

Liebe Daisy, liebe Violet! Kühl ist die Luft geworden in den vergan­genen Tagen. Als ob Herbst geworden sei, so eine Luft voller Regen und Wind. Auf der Straße laufen Menschen herum, die haben sich Trop­fen­fänger unter ihre Nasen gebunden, die wund sind und geschwollen. Ich selbst noch wohlauf, was viel­leicht darin begründet sein könnte, dass ich bereits jetzt schon kräf­tige Wander­schuhe trage für den kommenden Winter in New York. Will Euch eine Geschichte notieren, an diesem schönen, nassen Sonntag, die ich tatsäch­lich genauso erlebt habe, wie ich sie erzähle, ob Ihr mir nun glauben werdet oder nicht. Stellt Euch ein geräu­miges Zimmer vor. Ein gutes Dutzend Ohren propel­lerten dort durch die Luft, sie waren Gästen entkommen, die in nächster Nähe eines Rund­funk­emp­fän­gers Platz genommen hatten, um Ella Fitz­ge­rald zu lauschen: It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing. Ein merk­wür­diger Anblick war das gewesen, bald lagen kämp­fende Ohren in Schichten über zwei Laut­spre­chern des Radios, wie Foot­ball­spieler, sagen wir, eine rangelnde Bande zwit­schernder Ohren, so dass in dem Zimmer der Versamm­lung vom Konzert kaum noch etwas zu hören gewesen war, als diese Geräu­sche des Kampfes. Man kämpfte auch dann noch verbissen weiter, als das Radio längst ausge­schaltet worden war, vermut­lich deshalb, weil man meinte, die nun auftre­tende Stille sei nicht wirk­lich vorhanden. Ich habe drei Stunden in der Beob­ach­tung des Tumultes zuge­bracht. Dann bin ich nach Hause zurück ohne meine Ohren. Seither warte ich gera­dezu taub geworden auf ihre Rück­kehr. Bis bald einmal wieder. Cuccur­rucu! – Euer Louis

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03.07.2011
20.05 MESZ
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anweisung im umgang mit dienstweihnachtsbäumen

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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : WEIHNACHTSBÄUME

Sollte ich folgende amtliche Anwei­sungen im Umgang mit Dienst­weih­nachts­bäumen bereits einmal über­mit­telt haben, verzeiht mir bitte. Ich bin in diesen Tagen ein wenig vergess­lich, viel­leicht deshalb, weil ich lange schlafe weil Oktober geworden ist, eine Art vorwin­ter­liche Traum­zeit, die weit in die Tage herüber­leuchtet. Hier nun einige Sätze, die der Wirk­lich­keit entnommen sind, zur reinen Freude. Es handelt sich, das ist denkbar, um eine neuar­tige Gattung feinster Lite­ratur. Ahoi. Euer Louis ~ > Arbeits­or­ga­nia­ti­ons­richt­li­nien über die Hand­ha­bung und Verwen­dung von Nadel­bäumen klei­neren und mitt­leren Wuchses, die in Dienst­räumen Verwen­dung als Dienst­weih­nachts­bäume finden. ~ Begriff: Ein Dienst­weih­nachts­baum (DWB) ist ein Weih­nachts­baum natür­li­chen Ursprungs oder einem natür­li­chen Weih­nachts­baum nach­ge­bil­deter Weih­nachts­baum, der zur Weih­nachts­zeit in Dienst­räumen aufge­stellt wird. ~ Aufstellen der Weih­nachts­bäume: Ein Dienst­weih­nachts­baum (DWB) darf nur von sach­kun­digen Personen nach Anwei­sung des unmit­tel­baren Vorge­setzten aufge­stellt werden. Dieser hat darauf zu achten, dass 1. der DWB (Dienst­weih­nachts­baum) mit seinem unteren der Spitze entgegen gesetzten Ende in einen zur Aufnahme von Baumenden geeig­neten Halter einge­bracht und befes­tigt wird, 2. der DWB in der Halte­vor­rich­tung derart verkeilt wird, dass er senk­recht steht (in schwie­rigen Fällen ist ein Offi­zier hinzu­zu­ziehen, der die Senk­recht­stel­lung über­wacht. bzw. durch Zurufe wie “mehr links”, “mehr rechts” usw. korri­giert), 3. im Umfall­be­reich des DWB keine zerbrech­li­chen oder durch umfal­lende DWB in ihrer Funk­tion zu beein­träch­ti­gende Anlagen vorhanden sind. ~ Behan­deln der Beleuch­tung: Der DWB ist mit weih­nacht­li­chem Behang nach Maßgabe des Dienst­stel­len­lei­ters zu versehen. Weih­nachts­baum­be­leuch­tung, deren Flam­men­wir­kung auf dem Verbrennen eines Brenn­stoffes mit Flam­men­wir­kung beruht (soge­nannte Kerzen), dürfen nur Verwen­dung finden, wenn 1. die Bediens­teten über die Gefahren von Feuers­brünsten hinrei­chend unter­richtet sind, 2. während der Brenn­zeit der Beleuch­tungs­körper ein in der Feuer­be­kämp­fung unter­wie­sener Soldat mit Feuer­lö­scher und Feuer­pat­sche bereit­steht. ~ Aufführen von Krip­pen­spielen und Absingen von Weih­nachts­lie­dern: In Dienst­stellen mit ausrei­chendem Personal können Krip­pen­spiele unter Leitung eines erfah­renen Vorge­setzten zur Auffüh­rung gelangen. In der Beset­zung sind folgende in der Perso­nal­pla­nung vorzu­se­hende Personen notwendig: 1. Maria: möglichst weib­liche Bediens­tete, 2. Josef: länger dienender Soldat mit Bart, 3. Kind: klein­wüch­siger Soldat, 4. Esel: geeig­neter Soldat, 5. Ochse: wie vor. Die Darstel­lung der Heiligen Drei Könige sollte möglichst durch Gene­ral­stabs­of­fi­ziere, mindes­tens jedoch durch Stabs­of­fi­ziere erfolgen. Zum Absingen von Weih­nachts­lie­dern stellen sich die Soldaten unter Anlei­tung eines Vorge­setzten ganz zwanglos nach Dienst­graden geordnet um den DWB auf. Even­tuell bei der Dienst­stelle vorhan­dene Weih­nachts­ge­schenke können bei dieser Gele­gen­heit durch einen Vorge­setzten in Gestalt eines Weih­nachts­mannes an die Unter­ge­benen verteilt werden. – stop

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17.10.2011
12.05 MESZ
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102 minuten

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nordpol

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : 102 MINUTEN

Vormittag. Der Himmel sonnig, die Spitzen der Berge  weiß seit Tagen. Wenige Wochen vor meiner Reise nach New York, liebe Daisy, liebe Violet, will ich Euch berichten von einer kleinen Probe, die ich unter­nommen habe, um vorzu­prüfen, ob ich in der Lage sein werde in der großen Stadt mit meinen Unter­su­chungen der Wirk­lich­keit rasch voran­zu­kommen. Ich habe nämlich gerade einen Koffer mit allen mögli­chen Gegen­ständen gefüllt, die ich vorhabe mitzu­nehmen, ein Jackett, Pull­over, Wild­le­der­fäust­linge, einen Schal, Wander­schuhe, zwei Norwe­ger­mützen, sowie einen Schnee­schirm, der in der Lage sein sollte über meinem Kopf durch die Luft zu schweben. Des weiteren eine Schreib­ma­schine, eine elek­tri­sche Maus, zwei Foto­ap­pa­rate, ein Tonband­gerät, das gerade so groß ist, dass ich es mit einer Hand umfassen kann. Außerdem einen Reise­be­hälter, wie unlängst berichtet, für Trom­pe­ten­käfer polaren Ursprungs, Spazier­pläne, Subway­karten, Bücher für Ruhe­zeiten abends und nachts. Da wären Robert Falcon Scotts Aufzeich­nungen einer letzten Reise, Wilhem Genazinos Roman Wenn wir Tiere wären, das Buch der 102 Minuten, das mich seit Tagen fesselt, weil es auch von Holly erzählt. Kurzum, diese Gegen­stände nun waren in einem großen und einem weiteren, klei­neren Koffer aufge­hoben. Ich habe beide Reise­ob­jekte neben mich gestellt und ange­hoben für zwei Minuten. Ich sage Euch, es geht. Was machen die Simmons? Ist alles ok? Ahoi – Euer Louis

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10.12.2011
18.30 MEZ
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minutengeschichten

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ulysses

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : MINUTENGESCHICHTEN

Liebe Daisy, liebe Violet! Grüß Euch ganz herz­lich! Früher Morgen hier unten bei uns. How are you doing? Ich hatte, selt­same Sache, in der vergan­genen Nacht das Gefühl, irgend­je­mand würde mir, während ich mit meinem Blei­stift arbei­tete, über die Schulter schauen. Mehr­fach hab ich mich umge­sehen, auch vorge­geben, rein gar niemanden bemerkt zu haben, und dann plötz­lich, na, Ihr wisst schon, ich bin mir sicher, Ihr wart in meiner Nähe gewesen, wie noch vor wenigen Wochen, als ich unter­wegs war in New York, da hab ich Euch leib­haftig gesehen nachts an Bord der John F. Kennedy – Fähre, wie ihr übers Salon­deck huschtet, Gespenster, würde man viel­leicht sagen, Geister, reizende Erschei­nungen. Sagt, habt Ihr nun gelesen, was ich notierte? Jenen kleinen Text der Minu­ten­ge­schichten, den ich so gern mit der Hand wieder­hole in schweren Zeiten? Ich schick ihn Euch zur Sicher­heit noch einmal mit, ja, ja, die Bücher­men­schen, das solltet Ihr wissen, das sind Personen, die selbst dann noch lesen, wenn sie spazieren gehen. Wenn sie einmal nicht spazieren gehen, sitzen sie studie­rend auf Bänken in Park­land­schaften herum, in Cafés oder in einer Unter­grund­bahn. Dort, aus heiterem Himmel ange­spro­chen, wenn man sich nach ihrem Namen erkun­digte, würden sie erschre­cken und sie würden viel­leicht sagen, ohne den Kopf von der Zeichen­linie zu heben, ich heiße Anna oder Victor, obwohl sie doch ganz anders heißen. Wenn man sie fragte, wo sie sich gerade befinden, würden sie behaupten, in Petuschki oder in Brooklyn oder in Kairo oder auf einem Amzo­nas­re­gen­wald­fluss. – Heute habe ich mir gedacht, man sollte für diese Menschen eine eigene Stadt errichten, eine Metro­pole, die allein für lesend durch das Leben reisende Menschen gemacht sein wird. Man könnte natür­lich sagen, wir bauen keine neue Stadt, sondern wir nehmen eine bereits exis­tie­rende Stadt, die geeignet ist, und machen daraus eine ganz andere Stadt, eine Stadt zunächst nur zur Probe. In dieser Stadt lesender Menschen sind Biblio­theken zu finden wie Blumen auf einer Wiese. Da sind also große Biblio­theken, und etwas klei­nere, die haben die Größe eines Kiosks und sind geöffnet bei Tag und bei Nacht. Man könnte dort sehr kost­bare Bücher entleihen, sagen wir, für eine Stunde oder zwei. Dann macht man sich auf den Weg durch die Stadt. Während man geht, wird gelesen. Das ist sehr gesund in dieser Art so in Bewe­gung. Auf alle Straßen, die man passieren wird, sind Linien aufge­tragen, Stre­cken, die lesende Menschen durch die Stadt geleiten. Da sind also die gelben Kreise der Stunden-, und da sind die roten Linien der Minu­ten­ge­schichten. Blau sind die Stre­cken mäch­tiger Bücher, die schwer sind von feinsten Papieren. Sie führen weit aufs Land hinaus bis in die Wälder, wo man unge­stört auf sehr bequemen Pini­en­bäumen sitzen und schlafen kann. In dieser Stadt lesender Menschen haben Auto­mo­bile, sobald ein lesender Mensch sich nähert, den Vortritt zu geben, und alles ist sehr schön zauber­haft beleuchtet von einem Licht, das aus dem Boden kommt. – Ahoi! Euer Louis – stop

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13.03.2012
06.05 MEZ
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luftzungen

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nordpol

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : LUFTZUNGEN

Liebe Daisy, liebe Violet! Was für ein stür­mi­scher Morgen hier bei uns in Mittel­eu­ropa. Wetter, wie ich es mir wünsche in diesen Tagen. Eiskörner pfeifen durch die Luft, Wolken­däm­me­rung. Ich vermute, Ihr werdet bemerkt haben, mein Vater ist gestorben. Drei Stunden war ich noch an seinem Bett gewesen, habe von Bildern eines nahen Sees berichtet, den ich vom Zimmer des Hospi­tals aus sehen konnte. Ein Schau­fel­rad­dampfer fuhr hin und her, der Wind schrieb mit Luft­zungen schim­mernde Spuren ins Wasser, Möwen segelten über den Ufer­bäumen. Wie mein Vater gestorben ist, war es noch hell, die Sonne nicht unter­ge­gangen, weiß der Himmel, ob er sie zu erkennen vermochte, sein Blick war ein Blick, wie ich meinte, der schon nach innen sich rich­tete. Wenn ich Euch sage, es ist nicht wirk­lich begreifbar, nicht wirk­lich fühlbar, dass ein geliebter Mensch nie wieder neben uns am Tisch sitzen wird, werdet Ihr viel­leicht verstehen, wovon ich spreche. Dieses Niewieder macht einen Eindruck von Unwirk­lich­keit, von Unwirk­sam­keit, als würde man versu­chen, eine Trom­pete vom Schall­be­cher her zu bespielen. Und doch, nach und nach werde ich ruhiger, ich schlafe gut, träume selt­same Geschichten. Ja, so ist das, liebe Daisy, liebe Violet. Was machen die Simmons? Ist alles ok? Ahoi – Euer Louis – stop

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22.04.2012
7.05 MEZ
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doppellunge

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delta

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : DOPPELLUNGE

Heute, liebe Daisy, liebe Violet, als ich im Park spazierte, hab ich an Euch gedacht. Das war nämlich so gewesen, dass ich wieder einmal übte, im Wandern die Luft anzu­halten. Ich versuchte 100 Meter weit zu kommen, langsam, sehr langsam, dann etwas schneller gehend. Es ist möglich, heute endlich ist es möglich geworden. Plötz­lich fragte ich mich, welche Wirkungen die Übung des Luft­an­hal­tens bei Euch früher einmal gezei­tigt haben könnte. Ich über­legte, ob ihr Euch über das Luft­an­halten verstän­digt haben würdet. Es ist immerhin denkbar, dass das Anhalten der Luft in Euerem Falle, bei der einen wie der anderen eine gewisse Kurz­at­mig­keit hervor­ge­rufen haben müsste. Viel­leicht werdet Ihr Euch erin­nern? Wenn ja, dann gebt mir recht bald Bescheid. Ich arbeite zur Zeit sehr hart in diesen Dingen. Vor einigen Tagen habe ich mir eine Passage der Kleinen Erin­ne­rungen José Saramago’s laut vorge­lesen, und zwar in der Art und Weise lang­samen Ausat­mens. Das ist folgen­der­maßen vorzu­stellen: Ich fasste das erste Wort der ersten Zeile des kleinen Textes ins Auge, schöpfte Luft so tief ich konnte und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manchmal frage ich mich, ob bestimmte Erin­ne­rungen wirk­lich meine eigenen sind oder viel­leicht eher fremde, in denen ich unbe­wusst mitge­spielt habe. Ich las solange ich konnte, ich las ohne zu atmen, ich las bis ich alle Luft verloren hatte. Im ersten Versuch kam ich 11 Zeilen weit. Das war natür­lich nicht befrie­di­gend. Also setzte ich noch einmal von vorne an, ich hatte eine entspannte Posi­tion des Sitzens einge­nommen und füllte meine Brust mit Luft und begann zu spre­chen. Diesmal las ich mit leiser Stimme wie geflüs­tert. Ich kam exakt 1 Zeile, also 55 Zeichen weiter. Kurz darauf war zu beob­achten gewesen, wie ich mich rück­lings auf mein Sofa legte und denselben Text noch einmal hauchte. Das liegende atem­lose Lesen ermög­lichte nun eine weitere Zeile a 55 Zeichen. Ich machte also kleine Fort­schritte in dieser Kunst des Lesens, ich vermochte bald die Zeile 14 des kleinen Textes zu errei­chen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mitdenken konnte. Nach einer Stunde des Übens hörte ich für diese Nacht auf, um in der kommenden Nacht­zeit fort­zu­fahren. – Herz­lichst grüsst euch Euer Louis. Ahoi! – stop

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10.07.2012
22.01 MESZ
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lichtpelze

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delta

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : LICHTPELZE

Ich habe Euch, liebe Daisy, liebe Violet, folgendes zu berichten. Es schneit heute Nacht, weil es schneien muss. Licht­pelze, kaum Wind, sie schau­keln an meinem Fenster aus dem Nebel­dunkel kommend vorbei. Ich glaube, ich habe Euch schon erzählt, dass ich mir vor Wochen eine kleine Maschine vorge­stellt habe, die fliegen kann. Diese vorge­stellte Maschine ist nun eine tatsäch­lich sehr kleine Maschine geworden, nicht größer als eine Murmel in Kinder­hand. Zarteste Rädchen und Schrauben und Gewinde sind in ihrem Innern zu finden, Batte­rien von der Größe eines Berg­schne­cken­her­zens weiterhin, sowie eine äußerst fili­grane Funk­an­tenne, ein Linsen­auge und Mikro­phone oder Ohren, die in der Nähe des Auges derart montiert worden sind, dass sie in der Lage sein könnten, Geräu­sche aufzu­zeichnen. In wenigen Minuten, wenn ich meinen Brief an Euch aufge­geben haben werde, solltet Ihr mir zusehen, wie ich das Fenster öffnen und mein flie­gendes Auge auf seine erste Reise schi­cken werde. Ich habe mir einen Flug südwärts vorge­nommen. Zunächst abwärts 24 Stock­werke, dann die 72. Straße ostwärts bis hin zur Lexington Avenue, wir werden ihr bis zum Ende folgen. Am Gram­ercy Park biegen wir in Rich­tung Third Avenue ab, spazieren schwe­bend weiter, nehmen die Bowery, Saint James Place und kurz darauf die Brooklyn Bridge. Einige Stunden werden sicher vergehen, ehe wir nach 15 Meilen Brighton Beach erreicht haben werden, ein Aben­teuer. Welche Höhe wird eine geeig­nete Reise­höhe sein? Was werden die Vögel auf der großen Brücke unter­nehmen, sobald sie uns erkennen? Ich habe meine Fern­steue­rung bereits in der Hand. Es ist jetzt 7 Uhr und 55 Minuten. Ich fliege durch eine von Schnee und dichtem Nebel fast unsicht­bare Stadt. – Ahoi! Euer Louis

gesendet am
29.08.2012
2.01 MESZ
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hurricane

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charlie

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : HURRICANE

Es wird Winter, nicht wahr, liebe Daisy, liebe Violet, es wird Winter. Habe Pull­over, Mäntel, Hand­schuhe, Hüte, Schals auf mein Bett gebreitet, alles ist jetzt geprüft, ich bin gerüstet. Nicht viel ist zu erzählen zur Zeit, viel­leicht dass ich gestern am späten Abend die Lektüre eines Romans von Ray Loriga aufge­nommen habe, der von der Erfin­dung Manhat­tans handeln soll, ein ange­nehm leicht­füßig erzählter Text. Während ich las, erin­nerte ich mich an ein Gespräch, das ich mit einem Matrosen der Staten Island Fähren noch im Januar führte. Er berich­tete, wie er mit einem der Schiffe, es war die Andrew J. Barberi gewesen, den Hudson aufwärts fuhr, um das Schiff vor dem Hurrikan Irene in Sicher­heit zu bringen. Es sei eine unheim­liche Reise gewesen, Notbe­leuch­tung an Bord, Möwen waren mit strom­auf­wärts gefahren, unbe­wegt saßen sie auf den Hand­läufen der Reling, hunderte Vögel, als hätten sie das Fliegen verlernt. Ein Lotse, nicht der Kapitän, führte Kommando über das Schiff. Er selbst habe sich zum ersten Mal in seinem Leben land­ein­wärts von der Küste fort­be­wegt. Ich erin­nere mich gern an diesen kleinen Mann, der in Brooklyn groß geworden war. Manchmal trug er eine blin­kende Kopf­be­de­ckung, die den Strah­len­ringen der Frei­heits­statue nach­emp­funden worden war. Heute, an diesem Abend, wird er viel­leicht wieder unter­wegs sein mit seinem Schiff den Hudson aufwärts, es geht nun um Sandy, und es geht um Barack Obama. Ich frage mich, liebe Daisy, liebe Violet, wen, wenn ihr noch in heim­li­chen Wahl­re­gis­tern verzeichnet sein solltet, würdet Ihr wählen? Euer Louis, sehr herz­lich, wünscht eine gute Nacht!

ps. Mr. Salter hat seine Drohung nun wahr gemacht. Im Hof, verpackt in mehrere Kisten, wartet das Eisen­bahn­ab­teil eines Pull­mann­wa­gens darauf ausge­packt, und in meiner Wohnung montiert zu werden. Es ist angeb­lich möglich, dass ich mich in das Abteil setzten und dort arbeiten könnte. Land­schaften, die ich frei wählen kann, sollen an Fens­tern vorüber­ziehen. Stimmen sind zu hören, das ist sicher, Stimmen aus Nach­bar­ab­teilen, die nicht exis­tieren. Und die Bewe­gung eines wirk­li­chen Zuges unter meinen Händen. – stop

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28.10.2012
5.16 MEZ
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MELDUNGEN / ENDE

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