minutengeschichten

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ulysses

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : MINUTENGESCHICHTEN

Liebe Daisy, liebe Violet! Grüß Euch ganz herz­lich! Früher Morgen hier unten bei uns. How are you doing? Ich hatte, selt­same Sache, in der vergan­genen Nacht das Gefühl, irgend­je­mand würde mir, während ich mit meinem Blei­stift arbei­tete, über die Schulter schauen. Mehr­fach hab ich mich umge­sehen, auch vorge­geben, rein gar niemanden bemerkt zu haben, und dann plötz­lich, na, Ihr wisst schon, ich bin mir sicher, Ihr wart in meiner Nähe gewesen, wie noch vor wenigen Wochen, als ich unter­wegs war in New York, da hab ich Euch leib­haftig gesehen nachts an Bord der John F. Kennedy – Fähre, wie ihr übers Salon­deck huschtet, Gespenster, würde man viel­leicht sagen, Geister, reizende Erschei­nungen. Sagt, habt Ihr nun gelesen, was ich notierte? Jenen kleinen Text der Minu­ten­ge­schichten, den ich so gern mit der Hand wieder­hole in schweren Zeiten? Ich schick ihn Euch zur Sicher­heit noch einmal mit, ja, ja, die Bücher­men­schen, das solltet Ihr wissen, das sind Personen, die selbst dann noch lesen, wenn sie spazieren gehen. Wenn sie einmal nicht spazieren gehen, sitzen sie studie­rend auf Bänken in Park­land­schaften herum, in Cafés oder in einer Unter­grund­bahn. Dort, aus heiterem Himmel ange­spro­chen, wenn man sich nach ihrem Namen erkun­digte, würden sie erschre­cken und sie würden viel­leicht sagen, ohne den Kopf von der Zeichen­linie zu heben, ich heiße Anna oder Victor, obwohl sie doch ganz anders heißen. Wenn man sie fragte, wo sie sich gerade befinden, würden sie behaupten, in Petuschki oder in Brooklyn oder in Kairo oder auf einem Amzo­nas­re­gen­wald­fluss. – Heute habe ich mir gedacht, man sollte für diese Menschen eine eigene Stadt errichten, eine Metro­pole, die allein für lesend durch das Leben reisende Menschen gemacht sein wird. Man könnte natür­lich sagen, wir bauen keine neue Stadt, sondern wir nehmen eine bereits exis­tie­rende Stadt, die geeignet ist, und machen daraus eine ganz andere Stadt, eine Stadt zunächst nur zur Probe. In dieser Stadt lesender Menschen sind Biblio­theken zu finden wie Blumen auf einer Wiese. Da sind also große Biblio­theken, und etwas klei­nere, die haben die Größe eines Kiosks und sind geöffnet bei Tag und bei Nacht. Man könnte dort sehr kost­bare Bücher entleihen, sagen wir, für eine Stunde oder zwei. Dann macht man sich auf den Weg durch die Stadt. Während man geht, wird gelesen. Das ist sehr gesund in dieser Art so in Bewe­gung. Auf alle Straßen, die man passieren wird, sind Linien aufge­tragen, Stre­cken, die lesende Menschen durch die Stadt geleiten. Da sind also die gelben Kreise der Stunden-, und da sind die roten Linien der Minu­ten­ge­schichten. Blau sind die Stre­cken mäch­tiger Bücher, die schwer sind von feinsten Papieren. Sie führen weit aufs Land hinaus bis in die Wälder, wo man unge­stört auf sehr bequemen Pini­en­bäumen sitzen und schlafen kann. In dieser Stadt lesender Menschen haben Auto­mo­bile, sobald ein lesender Mensch sich nähert, den Vortritt zu geben, und alles ist sehr schön zauber­haft beleuchtet von einem Licht, das aus dem Boden kommt. – Ahoi! Euer Louis – stop

gesendet am
13.03.2012
06.05 MEZ
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