gallipoli : melissano : ugento

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marimba : 2.10 – Linosa erzählte mir eine Geschichte, von der ich nicht sagen kann, ob sie sich tatsäch­lich so ereignet wie behauptet, oder ob die Geschichte rein erfunden sein könnte. Seit einigen Monaten erhalte er nämlich täglich einen Luft­post­brief aus Italien. In dem Brief sei jeweils ein beid­seitig bedrucktes Blatt Papier enthalten, Text in engli­scher Sprache, numme­riert, feine, präzise formu­lierte Sätze. Er habe, so berich­tete Linosa, einige dieser Sätze in die Maske einer Such­ma­schine einge­geben, weshalb ihm nun bekannt sei, dass es sich wohl um ein zerlegtes Buch handeln könnte, das man ihm schi­cken würde, um Herman Melvilles Erzäh­lung Bart­leby. Das sei für sich genommen schon eine selt­same Ange­le­gen­heit, noch merk­wür­diger komme ihm aber vor, dass dem Schreiben bisher keine Erklä­rung, Begrün­dung oder auch nur ein Gruß beigefügt worden sei. Manchmal könne er mit Hilfe des Stem­pels entzif­fern, in welcher Stadt der Brief Tage zuvor aufge­geben wurde. Es seien Städte mit wunder­vollen Namen, Galli­poli, Melissano, Ugento, Lecce, Brin­disi, darunter. Während er sich in den ersten Tagen noch gewun­dert, ja sogar ein wenig gefürchtet habe, würde er sich inzwi­schen darüber freuen, nach­mit­tags aus dem 12. Stock seines Miets­hauses zum Brief­kasten hin abzu­steigen, um den Brief entnehmen, öffnen und wieder im Aufstieg befind­lich lesen zu können. 34 Briefe habe er bislang erhalten, 16 weitere Briefe sollten noch folgen, sofern der unbe­kannte Absender in logi­scher Weise fort­setzen würde. Der letzte Brief, der gestern aus Fasano kommend, bei Mr. Linosa einge­troffen war, soll eine beson­dere Brief­marke auf seiner Anschrif­ten­seite getragen haben, acht Rentiere, die in einen verschneiten Himmel fliegen. Diese Brief­marke leuchte nachts in der Küche im Dunkeln, wo sie nun auf dem Stapel zuvor einge­trof­fener Briefe solange sichtbar ruhen werde, bis wieder Nach­mittag geworden sein wird. – stop

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