lichtbild : eine straße in manhattan

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ulysses : 8.05 — Ein­mal ent­deckte ich nach stun­den­lan­ger Suche in den Archi­ven der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek eine Foto­gra­fie auf einem Mikro­film­strei­fen und ich wusste sofort, dass ich die­ses Licht­bild besit­zen musste. Ich bat eine Biblio­the­ka­rin, aus dem Mate­rial das Beste her­aus­zu­ho­len, höch­ste Auf­lö­sung, wes­we­gen ich bald einen klei­nen Sta­pel Papiers ent­ge­gen­neh­men kon­nte, den ich im Arbeits­zim­mer an ein­er Wand zum Bild zurücks­or­tierte, wie in der ver­gan­genen Nacht noch ein­mal, zurück zur Ansicht ein­er Straße des Jah­res 1934 prä­zise, ein­er Straße nahe des Bel­le­vue Hos­pi­tals zu New York. Stau­bige Bäume, eilende Men­schen­schat­ten, die Sil­hou­ette ein­er alten, in den Kno­chen gebeug­ten Frau, der Wagen eines Eis­ver­käu­fers, ros­tige Hydran­ten, die spröde Stein­haut der Straße, zwei Vögel unbe­kann­ter Gat­tung, Spu­ren von Hitze, und ich erin­nere mich noch gut, dass ich eine Zeile von links nach rechts auf das Papi­er notierte: Diese Straße kön­nte Mal­colm Lowry über­quert haben, an einem Tag viel­leicht, als er sich auf den Weg machte, sei­nem Kör­per den Alko­hol zu ent­zie­hen. Und weil ich schon ein­mal damit begon­nen hat­te, das Bild zu ver­fei­nern, zeich­nete ich in Wor­ten wei­tere Sub­stan­zen auf das Papi­er, Unsicht­ba­res oder Mög­li­ches. Einen Schuh notierte ich west­wärts: Hier flüch­tet Jan Gabriel, weil sie Mr. Low­rys Liebe nicht län­ger glau­ben kon­nte. Da lag ein Notiz­buch im Schat­ten eines Bau­mes und ich sagte: Die­ses Notiz­buch wird Mal­colm Lowry fin­den von Zeit zu Zeit, er wird es auf­he­ben und mit zit­tern­den Hän­den in seine Hosen­ta­sche ste­cken. Schon segel­ten fie­bernde Wale über den East Riv­er, der zwi­schen zwei Häu­sern schim­merte, ein Schwarm irrer Bie­nen tropfte von ein­er Fens­ter­bank, und da waren noch zwei Mäd­chen, bar­fuss, — oder tru­gen sie doch Strümpfe, doch Schuhe? — sie spiel­ten Him­mel und Hölle, ihre fröh­li­chen Stim­men. Ich geste­he, dass Daisy und Vio­let nicht damals, son­dern in die­ser letz­ten Stunde ein­er hei­te­ren Arbeits­nacht ins Bild gekom­men sind. — stop

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