lichtzeituhr

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ulysses : 3.28 UTC – Es ist spät, ich fahr mit dem Taxi. Ein Marder beob­achtet, wie ich aus dem Wagen steige, er hockt auf dem Scha­len­sitz einer Kinder­schaukel im Park. Das Schlaf­zim­mer­fenster Mutters ist hell erleuchtet, das einzige Licht, das inmitten der Nacht noch brennt, vermut­lich ist sie mit der Zeitung in der Hand einge­schlafen. Auf dem Tisch im Wohn­zimmer ein Teller, auf dem Teller ruht ein Mohn­ku­chen, der noch warm ist. Ich lösche das Licht neben der schla­fenden alten Dame, es ist kurz nach drei Uhr. Der Schalter der Lampe leise, sehr leise, ich würde beinahe sagen, der Schalter ist ein Schalter ohne Geräusch. Aber der Licht­wechsel selbst, wenn das Licht ausgeht, scheint ein geräusch­voller, heftiger Vorgang zu sein. Und ich denke noch, morgen, wenn es wieder hell geworden sein wird, am Nach­mittag bei Kaffee und Mohn­ku­chen, werde ich Mutter eine Geschichte vorlesen, die sie nach­denk­lich stimmen könnte. Die Geschichte, die ich im Jahr 2015 notierte, geht so: Liesl, die vor wenigen Tagen 85 Jahre alt wurde, erzählte von einer Zeit­schaltuhr, die ihr Sohn gleich neben ihrem Bett anzu­bringen wünschte. Er habe, hatte ihr Sohn berichtet, nachts immer wieder einmal wahr­ge­nommen, dass Liesl einschlafen würde, ohne ihre Nacht­tisch­lampe gelöscht zu haben, er sei dann, ob des Licht­scheins, den er vom Schlaf­zimmer der Mutter her kommen sah, aufge­standen und habe sich vorsichtig an ihr Bett begeben und das Licht gelöscht. Einmal habe er über­legt, ob er nicht das Gesicht seiner schla­fenden Mutter, wie zum Beweis foto­gra­fieren sollte, ein so helles Gesicht, dass man sich kaum vorstellen konnte, das Gesicht einer tatsäch­lich Schla­fenden zu betrachten. Das war vor sechs Jahren gewesen. Damals habe sie ihrem Sohn gesagt, dass sie keine Zeit­schaltuhr neben sich wünsche, sie sei doch kein Aqua­rium, habe sie gesagt, lieber schlafe sie im strah­lenden Licht der Nacht­lampe ein, plötz­liche Dunkel­heit, um Himmels­willen, nein. Ihr Sohn reiste wieder ab. Liesl erzählte, dass sie mit ihm nie wieder über Zeit­schalt­uhren gespro­chen habe, unlängst aber, in einer Septem­ber­nacht, sei dann plötz­lich das Licht ausge­gangen um 1 Uhr, sie habe geschimpft und sei dann vorsichtig aus dem Bett gestiegen, sei auf Knien durch das stock­dunkle Zimmer gekro­chen zu einem Licht­schalter hin, der sich auf dem Flur befand, auch da war kein Licht gewesen, Donner­wetter! – stop
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