marthageschichte

pic

echo : 5.12 — Martha ist 76 Jahre alt. Seit 18 Jahren trinkt sie Likör. Schon am frühen Mor­gen begin­nt sie damit. Son­st nimmt sie wenig zu sich. Die Luft riecht süßlich um sie herum. Aber sie ist gut gepflegt. Und umge­fall­en ist sie auch noch nie. Nach­mit­tags um 3 fährt sie an den Bahn­hof. Das ist die Zeit, da für sie der Abend begin­nt. Sie hat dort einen fes­ten Platz. Gleis 15 sitzt sie auf ein­er Bank. Früher war ihr Stamm­platz auf Gleis 8. Jet­zt fahren auf Gleis 8 die schnellen Inter­ci­ty­ex­presszüge ein und aus, man hat Martha von höher­er Stelle aus gebeten, sich auf Gleis 23 auf eine ver­gle­ich­bare Bank zu set­zen. Aber das ist ein Rang­ier­gleis, dort ist nichts los, außer ein paar Junkies, und die sind Martha zu gefährlich. Also sitzt sie auf Gleis 15., man kön­nte ihre Wahl als einen Kom­pro­miss beze­ich­nen. Im Som­mer trägt Martha Kostüm­chen. Sie ist gern bunt gek­lei­det. Wenn es doch nicht immer so drück­end und heiß wäre. Die Beine wer­den ganz dick davon, und die Füße wollen sich den Schuhen nicht länger fügen. Manch­mal geht sie ein paar Schritte auf und ab. Martha set­zt vor­sichtig Fuß für Fuß. Dann lässt sie sich wieder nieder und nimmt sich ein Gläschen voll zur Brust, macht einen kleinen See in das Täschchen ihrer Unter­lippe, Karamellgeschmack, den liebt sie sehr, auch Anis und Schokocreme, die blauen Bols mag sie gar nicht. Sobald sie sich wieder gut fühlt, begin­nt sie Papiere zu fal­ten, die sie aus ihrer Hand­tasche nimmt. Sie fal­tet Him­mel und Hölle. Wenn ein Kind auf dem Bahn­steig vorüber kommt, ver­schenkt sie das Spiel. Mit diesem Spiel habe ich mir früher immer die Zeit ver­trieben, sagt sie, da war ich so alt wie du. Oft zer­ren die Müt­ter ihr Kind von der alten Martha weg, weil Kinder das alles nicht so genau nehmen. Und Martha sagt: Ich habe in Lan­dau gewohnt. Im Garten hat­ten wir einen Birn­baum. Im Som­mer haben wir Him­beeren gepflückt. Der Keller war dunkel und die Treppe steil. Ein­mal bin ich die Treppe in Lan­dau herun­terge­fall­en. So erzählt Martha immerzu fort, wie sie im Keller Geis­ter ent­deck­te, oder von den Schnaps­fläschchen im Regal ihres Vaters. Zu diesem Zeit­punkt ist der Zug mit dem Kind längst abge­fahren. Sie holt sich jet­zt ein weit­eres Gläschen vor den Mund, dann ein neues Blatt aus ihrer Hand­tasche, entwed­er ist es ein rotes, ein gelbes oder ein blaues. — stop

ping

ping

ping

Kommentar verfassen

ping
Top