mund ohne zunge

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marimba : 5.15 – Schon immer bin ich ein Träumer gewesen, saß auf Bäumen, kam zu spät zur Schule oder zum Mittag­essen, Fußball­spiele endeten ohne mich, Züge fuhren in die falsche Rich­tung mit mir davon. Einmal küsste ich ein Mädchen solange ich konnte, das heißt, sie küsste mich solange sie wollte, weil die Zeit, von der ich erzähle, eine Zeit gewesen war, in der die Mädchen sich die Jungen zum Küssen holten, weil die Jungen noch mit Eisen­bahnen oder anderen Jungen spielten. Während sie ihren sehr kühlen Mund auf meinen sehr kleinen Mund presste, sah sie auf die Uhr und manchmal lachten wir, ohne die Lippen vonein­ander zu lösen, weil die Winde aus unseren Nasen sich über unseren Wangen kreuzten. Bald sagte sie, eine Minute, und dann sagte sie, zwei Minuten, und so eilten wir von Rekord zu Rekord, zitternde Wesen ohne Zungen. Schon damals trug ich eine innere Uhr mit mir herum. Ich hatte eine genaue Vorstel­lung, wo diese Uhr zu finden sein musste. Nicht im Kopf, nicht in der Nähe meiner Ohren, dort wäre ihr Zähl­werk zu hören gewesen. Und ich wusste, dass man sich auf innere Uhren, auf Körper­uhren, nicht verlassen konnte, nicht wenn man gerade noch von einem Mund geküsst worden war.

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