zehn sekunden parrini

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sierra : 0.28 – Vor wenigen Tagen, am Donnerstag, erreichte mich eine E-Mail von Herrn Parrini. Ich kenne ihn nicht persön­lich, er soll gerade 50 Jahre alt geworden sein. Er habe meine Geschichte Shanghai gelesen, die ich vor zwei Wochen sendete, sie habe ihm gut gefallen, sie habe ihn berührt, persön­lich, obwohl er kaum zum Lesen komme, weil er einer sei, der von morgens bis abends gerne erzählen würde, er habe das so gelernt, er wieder­hole sich oft, erzähle nur damit es nicht still wird, das war schon immer so, er spreche sogar zu sich selbst stun­den­lang, auch im Schlaf gebe er keine Ruhe, er wollte gern ein schwei­gender Mensch sein, das Schweigen lernen, aber er wüsste nicht wie das jemals möglich sein könnte, nachdem er nun seit bald 45 Jahren unauf­hör­lich gespro­chen habe, ganze Abende habe er seine Freunde unter­halten, bis sie flüch­teten, und in der Schule, musste er in der Ecke sitzen, weil er den Mund nicht halten mochte, dort habe er selbst­ver­ständ­lich weiter­ge­spro­chen, mit der Wand oder mit dem Echo seiner eigenen Stimme bis er vor die Tür geschickt worden sei, wo er im Flur auf und ab spazierte immer weiter spre­chend, bis er heira­tete, bis er wieder allein gewesen war, bis er die Berge entdeckte, da konnte ihn keiner hören, oder nur selten, oder nur Kühe, weswegen er sehr gerne in den Bergen wandere, er höre sich nicht, wenn er spreche, als ob seine Ohren sich wie die Ohren der Seehunde verschlössen sobald sie tauchten, ja, spre­chen wie tauchen, er würde nicht bemerken wenn er spreche, er könne entweder spre­chen oder schweigen, kein einziges Wort, sonst geht es wieder los, kein einziges Wort, nicht einmal einen Gedanken, nichts, aber das Schweigen müsste erst einmal möglich geworden sein, eine Sekunde wirk­li­ches Schweigen, nicht Schweigen, nur um Luft zu holen, sondern wirk­lich nicht spre­chen, atmen, schauen, hören. – stop

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