zerzaust

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victor : 0.55 – L. erzählt, sie habe einmal eine Frau gekannt, die weder in Büchern las noch in Zeitungen. Trotzdem sei diese Frau, deren Namen sie nicht in Erin­ne­rung habe, Wörtern sehr eng verbunden gewesen, da sie pausenlos Wörter notierte. Sie schrieb mit der Hand, sie schrieb in Cafes, U-Bahnen, auf Bänken sitzend in Parks einer Stadt, die sie ein Leben lang nie verlassen haben soll. Sie schrieb an einem einzigen Buch, an einem Buch, das sie stets in einer weiteren Vari­ante mit sich führte, im Grunde an einem Buch einer­seits, das sie bereits aufge­schrieben hatte, und einem Buch ande­rer­seits, in dem sie das Buch, das zu Ende geschrieben worden war, wieder­holte, aber natür­lich nicht, ohne das Buch im Prozess des Abschrei­bens zu ergänzen. Jede Ergän­zung wurde sorg­fältig über­legt, manchmal wurden Wörter ersetzt, ganze Sätze oder ein Gedanke hinzu­ge­fügt, sehr selten eine Passage gestri­chen. In dieser Weise verän­derte sich das Buch, das Buch nahm an Umfang zu, wurde langsam schwerer. Immer dann, wenn ein Buch abge­schrieben worden war, verschwand das abge­schrie­bene Buch. Und wiederum begann die Frau eine weitere Kopie anzu­fer­tigen, die sich im Prozess der Verdopp­lung scheinbar nur unwe­sent­lich von ihrem Original unter­scheiden würde. Der Rücken der Frau war leicht gekrümmt, sie ging viel spazieren und war stets sorg­fältig gekleidet. Sie soll schon ein biss­chen wild ausge­sehen haben, irgendwie zersaust, aber glück­lich, sagen wir, zerzaust und immer beschäf­tigt und irgendwie fröh­lich. Sie notierte zier­liche, äußerst exakte Zeichen. – stop
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