gespräch mit einem seemann

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tango : 20.10 UTC – Im Schnellzug heute Morgen beob­ach­tete mich ein Mann von viel­leicht achtzig Jahren wie ich auf meiner flachen Bild­schirm­schreib­ma­schine einen Text notierte. Ich hatte die Schreib­ma­schine quer auf meine Knie abge­legt und schrieb mit fünf oder sechs Fingern recht flink auf einer virtu­ellen Tastatur. Das war ein fast laut­loser Vorgang gewesen, viel­leicht deshalb sagte der Mann plötz­lich: Früher waren die Schreib­ma­schinen sehr laut gewesen! Ich hob meinen Blick und lächelte den Mann an. Er fragte sofort weiter: Das ist doch eine Schreib­ma­schine? Ich nickte. Ja, sagte ich, das ist eine Schreib­ma­schine und zugleich auch ein Gerät, mit dem ich Texte senden kann und Nach­richten empfangen, sogar morsen könnte ich. – Ich habe früher auch gemorst, sagte der Mann, ich bin auf einem Segel­schiff zur See gefahren, da war ich sehr jung gewesen. Er schwieg für einen Moment, dann sagte er: Sie brau­chen gar kein Papier, nicht wahr? Ich antwor­tete: Das ist richtig, im Grunde brauche ich kein Papier. – Was schreiben sie denn? wollte der Mann wissen. Ich schreibe eine Geschichte, sagte ich. Ist das denn gut, dass sie eine Geschichte ohne Papier schreiben? fragte der Mann. Ich sagte: Darüber muss ich nach­denken. Der Mann lachte: Sie ist wirk­lich nicht groß, diese Schreib­ma­schine. Sagen sie, wie viele Geschichten passen denn in diese Schreib­ma­schine hinein? Ich antwor­tete: Ich glaube, sehr viele Geschichten, ja, vermut­lich unvor­stellbar viele Geschichten. – Das ist gut, sagte der Mann, so viele Geschichten, dass sie im Zug sitzen und schreiben können so lange sie wollen, ohne je aussteigen und eine neue Schreib­ma­schine kaufen zu müssen. Einen Moment lang schaute er zum Fenster hinaus. – stop
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