radionuklidbatterie

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~ : louis
to : mr. eliot
sub­ject : RADIONUKLIDBATTERIE

Lieber Eliot! Guten Mor­gen! Wie geht’s, wie steht’s? Ich fragte mich, ob Du die Hitze, — auch bei Dir drüben soll es sehr heiß sein -, gut ver­tra­gen kannst? Ich sorge mich ein wenig, ver­mut­lich ohne Grund! Mir jeden­falls bekommt die Hitze nicht sehr gut. Auch Vaters alter Uhr nicht. Ich trage sie, seit er gestor­ben ist vor vier Jahren. Jet­zt ist sie ste­henge­blieben, ver­mut­lich weil ihre Bat­te­rien in der war­men Luft müde gewor­den sind. Für ein paar Stun­den habe ich mir aus­ge­malt, dass die Zeit meines Vaters nun endgültig endete. Das ist schmerzvoll, ich würde ihm gern noch ein­mal erzählen von meinen Wün­schen, von einem Vogel beispiel­sweise, der mein Leben verzeich­net, der mich beglei­tet, Gesprä­che, die ich täg­lich mit Men­schen führe oder heim­li­che Gesprä­che mit mir selb­st. Auch würde vom Vogel auf­ge­nom­men, was ich gese­hen habe wäh­rend ich reiste, einen Ken­tau­ren im Gebirge, Regen­trop­fen am Strand von Coney Island, eine schlafende Hand, die zeich­nete. Manch­mal ist es ange­nehm, sich wün­schen zu kön­nen, was nicht mög­lich zu sein scheint, eine große Frei­heit der Spe­ku­la­tion. Aber in den ver­gan­ge­nen Tagen wurde mir bewusst, dass die Ver­wirk­li­chung eines mich beglei­ten­den Vogel­we­sens nicht län­ger uto­pi­sch sein muss. Ich kann mir eine flie­gende Mas­chine ohne wei­tere Anstren­gung vor­stel­len, ein künst­li­ches Luft­we­sen, vier Pro­pel­ler, ange­trie­ben von ein­er leich­ten Radio­nu­klidbat­te­rie, die sich tat­säch­lich für Jahr­zehnte an mei­ner Seite in der Luft auf­hal­ten kön­nte, ein bei­nahe laut­lo­ses Wesen in der Gestalt eines Koli­bris, eines Tau­ben­schwänz­chens oder ein­er Biene, davon erzählte ich schon. Ich weiß nicht warum das so ist, ich habe den Ein­druck, wenn ich Vaters Uhr bald wieder in Gang set­zen werde, wird sie meine Uhr gewor­den sein, das ist vielle­icht ein wenig ver­rückt, oder auch nicht. Gestern habe ich eine Geschichte von 18 Seit­en Länge auf ein Ton­band gesprochen und der­art beschle­u­nigt, dass meine Stimme zu einem Geräusch von 10 Sekun­den Dauer wurde, eine Art Hochgeschwindigkeit­shör­spiel, das ich selb­st nicht hören kon­nte, weil ich sehr hohe Geräusche seit langer Zeit nicht mehr wahrnehme. Ich sende Dir die Datei anbei. Würdest Du bitte prüfen, ob Du selb­st sie vielle­icht noch hören kannst, oder irgend­je­mand son­st? Melde Dich bald! Dein Louis

gesendet am
10.09.2016
22.56 UTC
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