eine funkuhr

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sierra : 7.01 – Wenige Stunden nachdem mein Vater im April des vergan­genen Jahres gestorben war, über­reichte mir meine Mutter eine Uhr. Sie sagte, ich, der älteste Sohn der Familie, solle sie tragen. Viel­leicht meinte sie, ich solle die Uhr meines Vaters bewahren und damit die Zeit meines Vaters behüten. Ja, genau so könnte das gewesen sein, denn die kleinen und die großen Uhren der Menschen, die gestorben sind, bleiben nicht sofort stehen, auch die Uhr meines Vaters, die ich in diesem Moment an meinem linken Unterarm trage, zeigt uner­müd­lich weiter die vorrü­ckende Zeit. Sie knis­tert, wenn ich sie an mein Ohr lege. Das Geräusch ist so leise, dass ich nicht sagen kann, ob das Werk der Uhr knis­tert oder mein Ohr in der Begeg­nung mit dem kühlen Gehäuse. Viele Tage und Wochen lang habe ich die Uhr meines Vaters nicht getragen, sie ruhte auf meinem Schreib­tisch. Manchmal, indem ich sie beob­ach­tete, hatte ich den Eindruck, sie warte. Immer wieder einmal hob ich sie in die Luft, um die genaue, die wirk­liche Zeit ange­zeigt zu bekommen. Bei der Uhr meines Vaters handelt es sich nämlich um eine Funkuhr, die zu jeder Zeit auf die Sekunde genau die allge­mein gültige Zeit anzu­zeigen vermag. Ihr Ziffer­blatt ist über­sicht­lich gestaltet, ein großer Kreis für Halb­ta­ges­zeit und kleiner Kreis in der unteren Hälfte, in dem der Sekun­den­zeiger sich um Minu­ten­zeit fort­be­wegt. Diese Uhr und ihre drei Zeiger ist nun meine Uhr. Am vergan­genen Sonntag setzte ich mich mit ihr auf mein Sofa. Es war kurz vor zwei Uhr zur Nacht­zeit. Um genau zwei Uhr beschleu­nigte der Minu­ten­zeiger wie von Geis­ter­hand, drehte sich sehr schnell einmal im Kreis herum, dann war Sommer geworden, ein selt­samer Moment, weil ich für einen Augen­blick den Eindruck hatte, mein Vater selbst bewegte den Zeiger der Uhr, die seine letzte gewesen ist, weil er auf mich und meine Zeit achtet. – Gestern habe ich mir einen Hut gekauft. – stop

polaroidalaska

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