oft habe man tage lang gewartet

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nord­pol : 2.58 — Von ihrer Zeit, die sie als Flüchtlingskind auf dem Land ver­brachte, erzählt Mut­ter immer wieder gern. Sie hat­ten genug zu essen, weil sie und ihre Schwest­ern bei ein­er Bauern­fam­i­lie wohn­ten. Wenn der Vater am Woch­enende zu Besuch kam, ahnte sie nichts von Tief­fliegeran­grif­f­en auf Züge, mit welchen der Vater reiste, aber an seine staubi­gen Anzüge, weil er sich auf den Boden wer­fen musste. Die bren­nende Stadt München, obwohl in großer Ent­fer­nung liegend, war im Schein der Feuer damals am Hor­i­zont zu erah­nen gewe­sen, wie Aben­drot inmit­ten der Nächte. Dann das Warten auf eine Nachricht am näch­sten Mor­gen. Oft habe man Tage lang gewartet. Sie selb­st habe zweimal einen Bombe­nan­griff auf München erlebt, das war zu Beginn des Luftkrieges. Sie habe sich nicht gefürchtet, es sei vielmehr span­nend gewe­sen mit ihren Nach­barn und anderen Leuten so eng in einem Keller zu sitzen. Es gab Pra­li­nen für die Kinder und einen Geschicht­en­erzäh­ler. Ein Jahr später sei ihre große Schwest­er nach einem Angriff lange Zeit ver­schüt­tet gewe­sen und deshalb für Wochen ver­s­tummt. In dieser Zeit habe sie gehört, dass die Scholl­wöcks abge­holt wor­den seien, sie könne nicht sagen, weshalb sie als Kind schon wusste, dass das Abholen etwas Schreck­lich­es gewe­sen sein musste für die, die abge­holt wur­den. Sie habe beobachtet, dass die Abge­holten niemals wiedergekom­men seien, und dass von ihnen bald nicht mehr gesprochen wurde. Das alles habe sie als Kind schon so bemerkt, weil Kinder sehr viel mehr bemerkt haben, als die Erwach­se­nen vielle­icht glaubten. Dass die Eltern in der Woh­nung vor dem Krieg das Hitler­bild immer umge­dreht haben, davon durfte sie nicht erzählen, in der Schule nicht und auch ander­swo nicht. Ein­mal sei sie vom Land her wieder in die zer­störte Stadt zurück­gekom­men, es war ein nebliger Tag gewe­sen, sie habe zunächst gedacht, es sei der Nebel, aber das Haus, in dem sie und ihre Schwest­ern aufgewach­sen waren, existierte nicht mehr. Damals wür­den sie Bisam­rat­ten gegessen haben, die schmeck­ten sehr gut, und der Vater sei gelb gewor­den im Gesicht, weil seine let­zte Niere langsam ver­sagte. In dieser Zeit habe der Vater ihr viel von der Welt erzählt, wie sie funk­tion­iert, er sei ver­stört gewe­sen, dann sei er gestor­ben. — stop

paula

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