vom rechnen

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echo : 6.57 – Als Kind beob­ach­tete ich meinen Vater manchmal wenn er schlief. Aber eigent­lich schlief mein Vater damals nie, weil ich glaubte, dass mein Vater, sobald er seine Augen schloss, zu rechnen begann. Das waren kompli­zierte Proze­duren der Algebra, weswegen mein Vater für viele Stunden seine Augen nicht wieder öffnen konnte. Er lag ganz still rech­nend auf dem Sofa im Wohn­zimmer, vor allem an Sonn­tag­nach­mit­tagen oder an Wochen­tagen abends. Meis­tens hatte er zum Rechnen seine Schuhe ausge­zogen. Ich erin­nere mich an graue oder schwarze Strümpfe, die sich ein wenig bewegten. Natür­lich rech­nete mein Vater auch dann, wenn er wieder wach geworden war. Er besaß eine Hand­com­pu­ter­ma­schine von Texas Instru­ments, die über Leucht­schrift verfügte in roter Farbe, sehr kleine Zeichen, die sich arbei­tend so schnell bewegten, dass sie unbe­wegten Kreisen ähnlich wurden. Wenn mein Vater mit dieser Maschine rech­nete, machte er sich Notizen mittels eines Blei­stiftes auf kariertes Papier. Das schien sehr viel mühsamer zu sein, als mit geschlos­senen Augen auf dem Sofa zu liegen, weil man sich in dieser Weise Notizen machen musste. Wenn ich wie mein Vater sein wollte, legte ich mich auf mein Bett und machte die Augen zu. Damals war bereits deut­lich geworden, dass ich kein guter Mathe­ma­tiker werden würde. Anstatt zu rechnen, träumte ich. Ich träumte viel­leicht davon, dass ich nicht rechnen konnte. Gestern habe ich von etwas anderem geträumt. Ich habe geträumt, wie ich die Augen­lider meines Vaters wenige Minuten nachdem er gestorben war mit zitternden Händen berührte. – stop

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