vom verschwinden

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delta : 0.15 — Ein­mal, an einem Spät­som­mer­nach­mit­tag, erzählte mir eine ältere Frau von ein­er selt­samen Erfahrung, die sie gemacht hat­te, nach­dem ihre Schwest­er uner­wartet gestor­ben war. Zwei Jahre lag dieser schwere Ver­lust damals zurück. Die Schwest­er hat­te sich kurz nach ihrem Tod, auf eige­nen Wun­sch hin, in ein anatomis­ches Prä­parat ver­wan­delt. Ich erin­nere mich an den wilden Blick der Frau, an ihre zier­liche Gestalt, wie sie vor mir ste­ht und vom Trauern und vom Warten berichtet, das heißt, genauer, davon berichtet, dass sie um ihre Schwest­er bish­er nicht trauern kon­nte, so wie sie sich das Trauern gewün­scht hat­te, weil der Kör­p­er ihrer Schwest­er gegen­wär­tig, noch in dieser Welt gewe­sen sei. Manch­mal habe sie daran gedacht, ihre geliebte Schwest­er zu besuchen, sie noch ein­mal zu berühren. Wir standen vor ein­er Kirche. Um uns herum fröh­liche, von Last und Anforderung befre­ite Stu­den­ten. Sie hat­ten ihren anatomis­chen Prä­pari­erkurs an diesem Tag abgeschlossen, und den Men­schen, die ihre Kör­p­er spende­ten, betend gedankt. Auch die alte Frau schien nun leichter gewor­den zu sein, entschlossen. — Wie sie sagt, sie könne ihre Schwest­er nun endlich beerdi­gen. — Und wie sie kurz darauf durch die Menge junger Men­schen ver­schwindet, ein Wölkchen schlo­hweißen Haares. — stop

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