bahnsteig 24

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ginkgo : 2.32 – Central­bahnhof kurz nach 3 Uhr in der Nacht. Vier Stunden in der Zeit zurück sind zuletzt flüch­tende Menschen mit einem Inter­city – Zug auf Bahn­steig 7 ange­kommen. Einige junge Männer sitzen nun im Kreis in der Nähe der Aufnah­me­zone auf dem Boden. Zwei Fami­lien mit Kindern ruhen nicht weit entfernt auf Matten unter goldenen Isolier­de­cken geborgen, die schim­mern, in dem sich die Menschen bewegen. Sie sind erschöpft, schlafen, ein Junge aber ist noch wach. Er liegt auf dem Rücken, Hände und Arme über der knis­ternde Decke abge­legt, ganz still und schaut zum Dach der Halle hinauf. Viel­leicht beob­achtet er Vögel, die zu dieser Stunde noch immer hin und her springen von Eisen­strebe zu Eisen­strebe als wäre nicht Nacht, sondern Tag. Unweit hocken Frauen und Männer der städ­ti­schen Berufs­feu­er­wehr auf Bänken. Sie haben die Flüch­tenden, an diesem Abend sind es nicht so viele Menschen gewesen wie an den Abenden zuvor, empfangen. In einem Moment, da die Flüch­tenden ihre Namen in die Ohren der Über­setzer spra­chen, wurden sie zu Ange­kom­menen, viele zu Über­le­benden. Ich höre, eine der Fami­lien, die über Geld­mittel in Dollar verfügen soll, habe ihre Flucht von der Stadt Homs bis hierher nach Mittel­eu­ropa in nur fünf Tagen geschafft. Sie sind jetzt in meiner Gegen­wart, wirk­lich geworden. Menschen, die ich mögli­cher­weise auf einem Fern­seh­bild­schirm beob­achtet hatte, wie sie durch zerstörte, hölli­sche Straßen rennen, staubig, voller Schre­cken, wie flüch­tende Menschen in den Straßen Lower Manhat­tans kurz nach Einsturz der Twin Towers. Wenn nur für einen Moment in dieser nächt­li­chen Stille eines Bahn­hofes hörbar oder sichtbar werden würde, welcherart die Geräu­sche und Bilder sind, die sie vermut­lich in ihrer Erin­ne­rung tragen. – stop

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