grammophon

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zoulou : 3.36 — Wür­den jene Fahrzeiträume früh­mor­gens in war­men Abteilen der Züge nicht existieren, wür­den wir vielle­icht nie miteinan­der sprechen. Er ist meis­tens müde von der Nachtar­beit. Fün­fzehn Minuten Zeit, zu kurz, um schlafen zu kön­nen, zu lang, um zu schweigen. M. wurde in der marokkanis­chen Hafen­stadt Nador geboren. Er ist Moslem, gläu­big, ein­er der Guten, wie er sagt, ein­er vor dem sich nie­mand fürcht­en müsse. Er geht in die Moschee, er spielt Fußball, er ist ver­heiratet, nachts beauf­sichtigt er Maschi­nen, die Briefe sortieren, und er lacht gern. Sein Blick ist warm, er ver­fügt über zwei Hände, darauf beste­ht er, und zwei Augen, eine Nase, einen Mund. Vor Kurzem warnt er mich, weil ich öffentlich über den Glauben der Moslems notierte. Er sagte: Da musst Du vor­sichtig sein, es gibt viele Ver­rück­te, schau, dass sie nicht wis­sen, wo Du wohnst. Ein­mal, kurz nach ein­er Reise nach New York, lese ich ihm eine Geschichte vor, fol­gende Geschichte, sagen wir, eine Geschichte wie eine Frage: Im Cen­tral Park zur Mit­tagszeit ein betender Mann, Moslem, Rikschafahrer, der Höhe 61. Straße unter ein­er mächti­gen, weitverzweigten Ulme kni­et, vielle­icht unter einem jen­er Bäume, deren Set­zlinge im Jahr 2008 nach Ore­gon geschickt wur­den, um sie dort groß zu ziehen und wieder nach Man­hat­tan zurück­zu­holen. Das kla­gende Sin­gen der Kinder­schaukeln. Ein Eich­hörnchen het­zt über eine Wiese. Bald kauert das Tier in der Nähe des betenden Mannes, scheint ihn zu beobacht­en. Ich kön­nte jet­zt warten, bis der Mann mit seinem Gebet fer­tig gewor­den ist. Ich kön­nte mich zu ihm in seine Rikscha set­zen. Wir kön­nten gemein­sam durch den Park fahren. Ich kön­nte ihm eine Geschichte erzählen. Ich kön­nte erzählen, dass ich ger­ade eben noch in einem Café hörte, wie eine junge, lustige Mut­ter von ihrer Absicht berichtete, ihren Sohn, der noch nicht geboren wor­den ist, mit dem Namen “Gram­mophon” zu verse­hen. Das ist eine wirk­lich aufre­gende Geschichte, die ich tat­säch­lich sofort erzählen sollte. Ich sollte den jun­gen Mann weit­er­hin fra­gen, ob er mir vielle­icht erk­lären wolle, weshalb es lebens­ge­fährlich für mich sein kön­nte, wenn ich mich fra­gend über Mohammed, den Propheten, äußern würde. Vielle­icht würde der junge Mann brem­sen, vielle­icht sich unverzüglich von seinem Fahrrad schwin­gen. Wir wür­den uns auf eine Bank set­zen und Geschicht­en erzählen von Gram­mo­pho­nen, von Propheten und wie es ist, im Win­ter Rikscha zu fahren. Und vielle­icht würde ich ihm dann noch vom Schnee erzählen, den ich als Kind aus der Luft gefan­gen habe. Ja, so kön­nten wir das machen, sofort, gle­ich wenn der betende Mann sich erheben wird. – stop

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