zitronengelb

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charlie : 7.08 – Über meinen Groß­vater, den ich nie persön­lich kennen­ge­lernt habe, ist mir nicht sehr viel bekannt. Er soll ein warm­her­ziger Mensch gewesen sein, der als Beamter der Stadt München in ein kleines Büro­zimmer versetzt worden war, das im Winter nicht beheizt werden konnte. Mein Groß­vater wollte nicht in die Partei eintreten, deshalb musste er frieren, deshalb war er sehr oft krank gewesen. Die Familie, meine Mutter war ein Mädchen von damals fünf oder sechs Jahren, bewohnte eine kleine Wohnung in einem nörd­li­chen Stadt­teil. Sie waren dort zu fünft, die Eltern und ihre drei Töchter. In der Küche der Wohnung im zweiten Stock war Parkett­fuss­boden verlegt, keine Selbst­ver­ständ­lich­keit für diese Zeit. Wenn Bomben ins Münchener Zentrum fielen, zitterte in Moosach der Boden und die Hölzer des Parketts hüpften wie Frösche herum. Vor einem Spiegel steht mein Groß­vater. Er rasiert sich mit zitternden Händen. Er hat Zucker und kein Insulin. Er ist immer sehr durstig und spricht vom Durch­halten wegen der Rente. Vor allem ist sein Gesicht so gelb wie eine Zitrone. Diese Vorstel­lung habe ich einer Erzäh­lung meiner Mutter unlängst entnommen, die ich hörte, als wir über den Nord­friedhof gingen, um das Grab der Groß­mutter und des Groß­va­ters zu besu­chen. Bald wird das Grab verschwunden sein, aber die Knochen bleiben im Boden zurück. Zum Zeit­punkt unseres Besu­ches war alles anwe­send, wie früher noch, als ich selbst, ein Kind, an Sonn­tagen vor das Efeu­grab getreten war. Einmal stand ich dort in blauen Sandalen. Auf dem Grab­stein spazierte eine Schnecke. Sie legte eine Blei­stift­strecke zurück, dann blieb sie sitzen und schlief in der warmen Herbst­sonne ein. – stop
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