im zug kürzlich

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india : 0.12 – Ein Mädchen, das mögli­cher­weise gerade erst spre­chen lernte in einer Sprache, die ich nicht verstehe, steht im Zug vor mir. Ich notiere auf ein Blatt Papier, als ich die kleine Person bemerke. Ich sage: Hello! Sofort schließt das Mädchen die Augen, bleibt aber wie ange­wur­zelt vor mir stehen. Wenige Meter entfernt sitzen zwei Frauen und vier Männer, sie tragen Anoraks, die zu groß sind, die Frauen ausserdem Kopf­tü­cher und Hand­schuhe, obwohl es im Zug warm ist. Sie scheinen müde zu sein, niemand spricht. Einer der Männer beob­achtet mich, ein ruhiger, aufmerk­samer, freund­li­cher Blick, ich denke noch, was sieht er in mir, da macht das kleine Mädchen seine Augen wieder auf, schaut mich an, kein Lächeln, als ich eine Hand hebe und winke. Ein Gesicht, blass, fast weiß, tiefe, dunkle Ringe unter den Augen, die glänzen. Was haben diese Augen gesehen in den vergan­genen Wochen, Monaten, Jahren, viel­leicht Menschen, die tot sind, wie sie auf einer Straße liegen, eine Hand der Mutter, die  Augen des Mädchens bede­cken im Moment einstür­zender Häuser, Luft voller Fliegen unter einem Zelt­dach, das nächt­liche Meer, schrei­ende Menschen vor Stachel­draht bewehrten Toren, rasende Schä­fer­hunde, die in Ungarn geboren worden sind? – Ein Kind will sehen. So fängt es immer an, auch damals fing es so an. Ein Kind wollte sehen. / Julian Barnes Arthur & George – stop
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