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whiskey : 5.58 – Leroy schrieb mir einen Brief auf Papier. Er notierte: Lieber Louis, seit sechs Wochen nun bin ich online. Man kann mich lesen so oft und so lange man möchte, ohne einen Cent dafür bezahlen zu müssen. Das ist ein nicht unan­ge­nehmes Gefühl. Ich hatte dieses Gefühl nicht erwartet. Manchmal sitze ich vor dem Bild­schirm und beob­achte meinen Text auf dem selben Weg, den auch andere nehmen, um mich lesen zu können. Ich bin begeis­tert davon, dass ich dem Text nicht anzu­sehen vermag, ob ihn gerade in diesem Moment andere Augen betrachten, weil es doch derselbe Text mit dem selben Ursprung ist. Ich werde noch dahin­ter­kommen, bis dahin wundere ich mich weiter. Gestern war Singer zu Besuch, der sich auskennt in digi­talen Dingen. Er fragte, ob ich ihm sagen könne, wie viele Menschen denn meine elek­tri­schen Texte besuchten. Ich erzählte ihm, dass ich selbst­ver­ständ­lich Nach­richt davon erhalten habe. Ich genieße, sagte ich, die Aufmerk­sam­keit einiger Leser in Island, Amerika, Togo, Deutsch­land, der Schweiz, den Nieder­landen, China, England, Frank­reich, Marokko, Spanien. Manche kommen sehr häufig und lesen, sie kommen stünd­lich vorbei, auf die Sekunde genau, andere eher selten, als würde sie mich gelesen haben und sofort wieder vergessen. Ich holte uns am Kiosk eine Limo­nade, während Singer sich mit meinen Logfiles beschäf­tigte. Als ich zurückkam, hörte ich Singer lachen, in dem Moment genau, da ich die Tür öffnete, hörte ich Singer lachen. Dann hörte er auf, und wir spra­chen über Kakteen und ihre Winter­blüte, und dass er bald wieder für einige Monate nach Mana­rola reisen würde, wo es mild sei im Winter. Kurz darauf schlief ich ein. Ich erwachte vom Lärm vieler Stimmen. Auf der Straße liefen Menschen hin und her, es war früher Nach­mittag, ich wusste, dass die Nacht für mich zu Ende war. Heute ist also Sonntag. Ich grüße Dich. Dein Leroy. – stop
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