anna ludmilla

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norpol : 0.33 – Während ich aus dem Fenster schaue, höre ich einen Bericht, der vom Fern­sehen gesendet wird. Ulyana M., das heißt die Stimme ihrer Über­set­zerin, erzählt, sie habe mit ihrem Mann nahe Mariupol Zuflucht vor Granat­be­schuss im Keller eines Nach­barn gesucht. Ein Mann, den sie von Ferne kannte, habe den Keller verlassen, um nach seinem Häus­chen zu sehen. Er sei nicht zurück­ge­kommen. Als der Beschuss aufge­hört habe, seien sie zu ihrem Haus zurück­ge­kehrt. Auf dem Weg fanden sie den Mann, der nach seinem Häus­chen gesehen hatte. Er lag in seinem Garten ohne Kopf, sein Häus­chen brannte. An dieser Stelle des Berichtes machte die Stimme, die ich hörte, eine kurze, selt­same Pause. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Stimme der origi­nalen Erzäh­lerin Ulyana M. eine Pause machte, aber die Über­set­zerin macht eine Pause, ihre eigene Pause. Fünf Sekunden später fuhr sie fort in ihrer Arbeit. Sie sagte, man habe nach dem Kopf des Mannes gesucht, man habe ihn gefunden und zurück­ge­bracht zu dem Körper des Mannes, der in seinem Garten lag. – Früher Abend. Kasta­ni­en­bäume tief unten stehen bereits in Flammen, Bahn­steige der Stra­ßen­bahn­hal­te­stelle bedeckt von Stachel­früchten, die nicht zerplatzen. Eich­hörn­chen­schatten tragen sie nachts davon, obwohl noch Anfang September ist. Anna Ludmilla L.. Ich erin­nere mich an Anna Ludmilla L., die in St. Peters­burg geboren wurde. Sie lebt seit 15 Jahren in Deutsch­land, wollte Modell werden, heita­tete, gebar eine Tochter und wurde geschieden. Seit Jahren arbeitet sie in der Post­stelle eines Frank­furter Verlags­hauses. M. erzählte, Anna zwin­kere seit einigen Wochen, wenn man mit ihr spreche, mit einem Auge, eine flat­ternde Bewe­gung. Er habe sie einmal gefragt, wie es ihr gehe, wie ihrer Familie, ob sie Verwandte in der Ukraine habe. Sie habe sich über seine Frage viel­leicht gefreut, er sei sich aber nicht sicher. – stop

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