die schrift meines vaters

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nordpol : 7.05 – Dass mein Vater älter wurde und müde, war seiner Schrift deut­lich anzu­sehen. Die Buch­staben wurden kleiner, manche standen senk­recht, andere neigten sich einer unsicht­baren Linie zu, auf der sie sich wort­weise vorwärts bewegten. Ich könnte sagen, die Schrift meines Vaters wirkte so, als wäre ein Sturm seit­wärts über sie hinweg­ge­fahren, zerzaust, und doch waren alle notwen­digen Buch­staben für jedes der Wörter, die mein Vater geschrieben hatte, gesetzt. Er notierte zuletzt gerne mit Hilfe der Tastatur seiner Compu­ter­ma­schine, das war nicht so anstren­gend, er vermochte die Größe der Zeichen zu vari­ieren, so dass er sehen konnte, was er gerade auf den Bild­schirm brachte. Einmal musste mein Vater einen Brief unter­zeichnen, es war ein Okto­bertag, mein Vater wartete lange Zeit vor dem Papier, das auf dem Tisch vor ihm ruhte, hielt den Stift, den man ihm gereicht hatte, in der Hand, betrach­tete diesen Stift, drehte ihn zwischen den Fingern, er zögerte den Moment hinaus, da er mit der Aufzeich­nung seines Namens beginnen würde. In diesem Moment ahnte ich, dass mein Vater seinen Namen malen würde, dass seine nicht­be­wusste Signatur, die ein Leben lang gültig gewesen war, nicht länger zu exis­tieren schien, oder dass er unter den Augen eines Beob­ach­ters sich nicht länger traute, seine urei­gene Signatur auszu­führen. Ja, mein Vater fürch­tete sich, weil der Wind der verge­henden Zeit seine Schrift erfasste. Sie war einmal eine akku­rate Schrift gewesen, eine Schrift wie gedruckt, sie notierte kompli­zierte mathe­ma­ti­sche Formeln, ohne je ihre Fassung auf den Papieren zu verlieren. Als Junge beschloss ich, diese Geheim­schrift der Zahlen und Wörter zu entschlüs­seln, bis sie noch vor meinem Vater selbst zu verschwinden begann. Zurück­ge­blieben sind nun seine Stifte in einer Schub­lade: Kugel­schreiber, Füll­fe­der­halter, Blei­stifte, Bunt­stifte, auch ein Werk­zeug, mit dem man in weisser Farbe notieren kann, viel­leicht um zu korri­gieren, viel­leicht um Nicht­sicht­bares auf das Papier zu setzen. – stop

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