echoes

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sier­ra : 5.28 — Eine Ameise hat­te trotz der großen Höhe, in der sich meine Woh­nung befind­et, zu mir gefun­den. Sie klet­terte vor­sichtig gegen den Boden zu, tastete sich über warmes Holz, erre­ichte ein Tis­chbein, um kurz darauf direkt vor meinen Augen zu erscheinen. Vielle­icht wird sie meinen Atem wahrgenom­men haben, einen Wind, denn sie duck­te sich kurz, ich hat­te den Ein­druck, dass sie mich betra­chtete. Aber dann lief sie weit­er, umrun­dete meine Schreib­mas­chine, kreuzte über den Tisch, um auf der anderen Seite wieder abzusteigen und in der Dunkel­heit des Fen­sters zu ver­schwinden. Nur wenige Minuten später, ich hat­te das Zim­mer kurz ver­lassen, bewegte sich eine dunkel schim­mernde Ameisen­herde exakt auf dem Pfad, den zuvor das ein­same Tier genom­men hat­te, durch den Raum. Ein doch äußerst bemerkenswert­er Vor­gang. Möglicher­weise hat­te es sich zunächst um eine Kund­schafter­ameise gehan­delt, die mich besuchte. Ihre Brüder, ihre Schwest­ern waren nun sehr ziel­stre­big in meinem Zim­mer unter­wegs. Ich meinte das Geräusch hun­dert­er Beine vernehmen zu kön­nen. Sie tru­gen Papiere in ihren Zan­gen wie Fah­nen. Tat­säch­lich waren Zeichen oder Teile von Zeichen auf der Ameisen­beute zu erken­nen, die sie gle­ich hin­ter mein­er Schreib­mas­chine zu einem Berg schichteten, um sofort wieder zum Boden hin abzusteigen. Nach ein­er hal­ben Stunde, alle Ameisen waren ver­schwun­den, schloss ich das Fen­ster. Ich hätte nun schwören kön­nen, mir den Besuch der Ameisen nur einge­bildet zu haben, wenn nicht auf dem Tisch das Papier­w­erk der Wan­der­er als Beweis zurück­ge­blieben wäre. Natür­lich machte ich mich sofort an die Arbeit. Eine Stunde verg­ing, dann war ich mir sich­er gewe­sen, dass es sich bei dem Arte­fakt auf meinem Tisch um eine einzelne, zerteilte Buch­seite han­deln musste. Vier weit­ere Stun­den später hat­te ich die Seite und ihre Zeichen rekon­stru­iert. Fol­gen­der Text wurde sichergestellt: ZUVIEL / Die Welt ist „unzählbar“, gefüllt mit Din­gen, Büch­ern, Büch­ern, die über Dinge sprechen, / die Welt trägt zusam­men und die Büch­er tra­gen zusam­men, was die Welt zusam­men­trägt, / und auf seinem Tisch Büch­er und nochmals Büch­er zu sehen / und Foto­büch­er, Kun­st­büch­er und Büch­er, die von anderen Büch­ern reden, und sich nun sel­ber eben­falls anschick­en, die Welt auf einem Blatt Papi­er zu erfassen, diese ver­fluchte Summe von Aus­las­sun­gen zu erfassen, um dem Stapel noch ein eigenes Echo hinzuzufü­gen … Es ist fünf Uhr gewor­den. Ich bin zufrieden. Ich habe den Ursprung des Textes erin­nert. Er wurde von Yas­mi­na Reza in ihrer Sonate Ham­merklavier veröf­fentlicht und von Eugen Helm­lé aus der franzö­sis­chen in die deutsche Sprache über­tra­gen. Draußen wird es langsam hell, Regen fällt. — stop
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