ein kind

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marimba : 6.16 – In der Schnell­bahn vom Flug­hafen wieder ein merk­wür­diges Kind beob­achtet. Das Kind saß auf dem Schoss der Mutter, hatte einen Schnuller im Mund und betrach­tete Fahr­gäste, die dort in seiner nächster Nähe saßen oder standen. Alle waren sie müde, ein Langen­stre­cken­flug von New York her über den Atlantik lag hinter ihnen, das Kind aber schien in der Luft gut geschlafen zu haben. Es hatte blitz­blanke Augen von dunkel­brauner Farbe, und mit diesen Augen nun arbei­tete es sich von einem Erwach­se­nen­ge­sicht zum nächsten. Wenn die Augen des Kindes ein Gesicht erreichten, verweilten sie eine gewisse Zeit lang, als ob sie sich das Gesicht für immer einprägen, oder aber als ob sie in dem Gesicht etwas finden wollten, nach dem gesucht werden musste. Wenn das Kind mit der Beob­ach­tung eines Gesichts fertig geworden war, hüpften seine Augen auf das nächste Gesicht, und so weiter und so fort. Nie, ich meine, nie solange ich das Kind und seine Augen beob­ach­tete, kehrte sein Blick zu einem Gesicht zurück, das es bereits einmal besucht hatte, so dass ich behaupten möchte, dass seine Augen, das heißt, das Gehirn des Kindes, den Waggon­raum des Zuges syste­ma­tisch unter­suchte. Für eine Sekunde hatte ich den Gedanken, dass das Kind viel­leicht ein uralter Mensch gewesen war, der rück­wärts lebte, für den sich die Zeit umge­kehrt hatte, der nun bald den Anfang seiner Exis­tenz wieder errei­chen würde, der noch einmal alles ansah, mit Kinder­augen, aber viel­leicht einem uralten Gehirn. Wer aber, wenn ich dieses Gefüge weiter­denke, war diese müde Frau gewesen, auf dessen Schoss das Kind ruhte und schaute? – Weit nach Mitter­nacht. Habe den Verdacht, diese Geschichte schon einmal erzählt zu haben. Ein déjà-vu. Werde mir sofort zur Beru­hi­gung eine kleine Ente braten.

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