fenster süd

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echo : 2.28 – Fünf Mari­en­käfer sitzen auf einem Rollo, das das Südfenster meiner Wohnung von innen her verdun­kelt. Sie sind sehr klein, unge­fähr so groß wie der Glas­kopf einer Steck­nadel. Noch nie habe ich derart kleine Käfer gesehen. Vermut­lich sind sie hier in meiner Wohnung entstanden, kennen von der Welt nichts als meine Zimmer, Diele, Bad und Küche. Ich glaube, es ist noch nicht viel Zeit vergangen, seit sie geschlüpft sind, ein oder zwei Tage viel­leicht. Wenn ich mich mit einer Lupe nähere, gehen sie etwas in die Knie, legen den Panzer auf Grund, und warten ab, dass sich das große Auge, das sie betrachtet, wieder zurück­zieht. Eine Weile las in einer Erzäh­lung von Julian Barnes herum, ruhte auf dem Sofa. Von dort aus konnte ich, obwohl sie wirk­lich sehr klein waren, die Körper der Käfer auf dem großen Weiß erkennen. Zunächst dachte ich, sie bewegten sich nicht. Wenn ich mich aber längere Zeit auf die Sätze des Buches konzen­trierte, waren ihre Körper doch weiter­ge­rückt, sobald ich zum Fenster blickte. Ich dachte, dass sie sich viel­leicht nur dann bewegten, wenn ich sie nicht betrach­tete, dass sie also ihrer­seits mich beob­ach­teten. Wahr­schein­li­cher ist, dass mein Gehirn ihre lang­same Art und Weise der Bewe­gung nicht zu erfassen vermag, weil sein Nahzeit­spei­cher äusserst flüchtig zu sein scheint. Einmal stand ich auf und pflückte einen Käfer vom Rollo und warf ihn vorsichtig in die Luft. Damit hatte der Käfer nicht gerechnet. Er stürzte, ohne seine Flügel geöffnet zu haben, auf die weiche Fläche meines Sofas ab. Unver­züg­lich schlief der Käfer ein, weil es immerhin weit nach Mitter­nacht geworden war. Werde selbst bald schlafen, zuvor aber fünf kleine Mari­en­käfer in eine Schachtel setzen, werde den Deckel der Schachtel mehr­fach mit einer Gabel perfo­rieren, und diese Schachtel in meinen Kühl­schrank legen, 6° Celsius. Bald Früh­ling. – stop
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