handohren

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sier­ra

~ : oe som
to : louis
sub­ject : HANDOHREN
date : may 27 12 3.05 a.m.

Lieber Louis, Mit­ter­nacht ist längst vorüber. Ich bin ruhig, aber ich kann nicht schlafen. Seit Tagen geht das so mit mir, dass ich die Augen schließe und doch wach liege, zumin­d­est nicht wirk­lich auf die andere Seite gelange. Ich spüre wie sich das Schiff auf und ab bewegt, manch­mal erhebe ich mich und gehe spazieren an Deck, oder ich besuche Lin, die sich für den Monat Mai in Nachtschicht befind­et. Seit drei Tra­gen sitzt sie in der Werk­statt an der Über­tra­gung des Romans Mol­loy von Samuel Beck­ett. Ich darf ihr zuse­hen, wie sie Zeichen für Zeichen aus dem papiere­nen Buch kopiert, eine geschmei­di­ge Bewe­gung, sie schreibt ohne ihren Blick auf den Stift zu richt­en. Jedes Wort, das sie in Angriff nimmt, wird zunächst in den Raum geflüstert: Wachtelkönig. Als ob sie eine Anweisung geben würde, als ob ihre schreibende Hand über geheime Ohren ver­fügte. Ich wün­schte mir, ich kön­nte ihre Hände ein­mal einge­hend unter­suchen, einen Bericht schreiben über die Ent­deck­ung der Han­dohren kurz nach Mit­ter­nacht auf einem Schiff vor Neu­fund­land. Eigentlich, lieber Louis, wollte ich Dir von meinem ersten Besuch bei Noe in der Tiefe bericht­en, was ich dort gese­hen habe, seine Augen wie sie meine Augen betra­chteten durch das Panz­er­glas. Ich denke, ich bin noch nicht so weit. Ich werde Dir aus­führlich notieren sobald ich ein­mal eine Nacht durchgeschlafen habe. Es ist möglich, dass ich das Tauchen nicht ver­trage oder Noe’s hellen Blick vielle­icht, der mich ver­fol­gt, ich gebe das zu, Noe’s Blick ver­fol­gt mich. Manch­mal denke ich, dass nicht richtig ist, was wir tun. Gute Nacht! Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
27.05.2012
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