agota

2

sier­ra

~ : oe som
to : louis
sub­ject : AGOTA
date : mar 25 11 6.15 p.m.

Kurz vor sechs Uhr abends, das Wass­er ruhig. Tauch­er Noe wohlauf in 820 Fuß Tiefe. Er liest Ago­ta Kristofs Erzäh­lung Die Anal­pha­betin nun schon zum fün­ften Mal in Folge mit ein­er Begeis­terung, die wir in den ver­gan­genen Jahren so noch nicht wahrgenom­men haben. Seine Stimme scheint heller gewor­den zu sein, seit wir seinen Taucher­anzug von Koral­lengewäch­sen befre­it­en. Nach wie vor ver­weigert er jedes Gespräch über seine eigene Per­son. Nie­mand kann sagen, ob Noe wirk­lich ver­ste­ht, was er mit lauter Stimme liest: Am Anfang gab es nur eine einzige Sprache. Die Objek­te, die Dinge, die Gefüh­le, die Far­ben, die Träume, die Briefe, die Büch­er, die Zeitun­gen, waren diese Sprache. Ich kon­nte mir nicht vorstellen, dass es noch eine andere Sprache geben könne, dass ein Men­sch ein Wort sprechen könne, das ich nicht ver­ste­he. In der Küche mein­er Mut­ter, in der Schule meines Vaters, in Onkel Gezas Kirche, auf den Straßen, in den Häusern des Dor­fes und auch in der Stadt mein­er Großel­tern sprachen alle dieselbe Sprache, und nie war die Rede von ein­er anderen. — Boote ver­let­zter Men­schen passieren unser Schiff, Schalup­pen, sie kom­men von Süden her, schweigende, frierende Pas­sagiere. Dein OE

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25.03.2011
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ping

taubenstadt

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himalaya

~ : oe som
to : louis
sub­ject : PIGEONS
date : july 17 11 8.15 a.m.

Seit gestern endlich wieder ruhige See, ein wolken­los­er Him­mel über uns. Noe, wohlauf in 550 Fuß Tiefe, liest Javier Tomeos Tauben­stadt. Großar­tiges Buch. Vor 10 Tagen haben wir damit begonnen, Noes Stimme aufzunehmen. Wun­der­volle Funkgeräusche sei­ther ohne Unter­brechung. Als wir Noe berichteten, dass wir seine lesende Stimme verze­ich­nen, dass man ihm zuhören könne in Liss­abon, in Lima, in Shang­hai, dass er eine Sen­sa­tion sei, ein Mann, der das Lesen wasser­fester Büch­er erprobt, ein Mann im Taucher­anzug, ein Mann, der seit 820 Tagen im Atlantik vor Neu­fund­land lebt, eine men­schliche Sta­tion, ein beleuchteter Kör­p­er in Licht­losigkeit, — seit wir ihm gebe­ichtet haben, dass wir ihn kon­servieren, scheint Noes lesende Stimme ruhiger gewor­den zu sein. Wir haben den Ein­druck, dass unser Mann nun fort jedes Zeichen genießt, das wir ihm zur Ver­fü­gung stellen. Nach wie vor heftige Debat­ten über die Tem­per­atur des Tees, den wir in die Tiefe leit­en. Noe behauptet, der Tee sei zu kalt. Er wolle in diesem Tee wed­er baden, noch wolle er ihn trinken, wir soll­ten endlich alle Leitun­gen beheizen, die zu ihm führen. Vielle­icht weil er sich darüber heftig erregte, ver­lor Noe gestern, um 20 Uhr und zwölf Minuten, Ovids Liebeskun­st an das Meer. Eine Tragödie. In diesen Minuten, da ich Dir telegrafiere, liest Noe wieder ruhig vor sich hin. Wir hören seinen Atem. Wir hören das Funken der Wale. Beste Grüße. Dein OE

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17.07.2011
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manhattan transfer

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fox­trott

~ : oe som
to : louis
sub­ject : DOS PASSOS
date : july 31 11 5.15 p.m.

Anstren­gende Tage liegen hin­ter uns, Regen, stür­mis­che Winde, schw­er­er See­gang, Pelikane kreisen hoch über dem Schiff. Vor zwei Tagen zulet­zt schick­ten wir Dos Pas­sos’ Roman Man­hat­tan Trans­fer zu Noe hin abwärts. Ein schw­eres Buch, das in vier­hun­dert Fuß Tiefe von ein­er war­men südlichen Strö­mung abgetrieben wurde, bald darauf in ein­er Pen­del­be­we­gung der­art heftig nord­wärts gezo­gen wurde, dass wir fürchteten, Noe kön­nte von dem Gewicht des Romans getrof­fen oder das Buch von der Sen­kleine in uner­gründliche Tiefen fort­geris­sen wer­den. Drei Stun­den später hielt Noe John Dos Pas­sos in Hän­den. Unser Tauch­er bemerk­te sogle­ich, dass es sich bei diesem weit­eren Unter­wasser­buch um ein beson­deres Werk han­deln musste, eine umfan­gre­iche Satzver­samm­lung, von innen her, Seite für Seite, Zeichen für Zeichen aprikosen­far­ben san­ft beleuchtet. In der sel­ben Minute, da Noe das Buch öffnete, begann er laut zu lesen. Er las drei Stun­den, dann schlief er kurz ein, um noch im Halb­schlaf befind­lich seine Lek­türe fortzuset­zen: Die Sonne ist nach Jer­sey gerückt, die Sonne ste­ht hin­ter Hobo­ken. Hüllen schnap­pen über Schreib­maschi­nen, Rol­l­laden­schreibtis­che schließen sich. Aufzüge fahren leer in die Höhe, kom­men voll­gepfropft herunter. Es ist Ebbe in der City, Flut in Flat­bush, Wood­lawn, Dyck­man Street, Sheepshead Bay, News Lots Avenue, Canar­sie. Rosa Zeitun­gen, grüne Zeitun­gen, graue Zeitun­gen. Sämtliche Börsenkurse. Sportre­sul­tate. Let­tern wirbeln über laden­müde, büromüde schlaffe Gesichter, wunde Fin­ger­spitzen, schmerzende Fußriste, muskulöse Män­ner, Gedränge im U-Bahn-Express. — Kurz vor Son­nenun­ter­gang. Das Meer sucht nach uns mit Zun­gen von Gis­cht. Ein riesiger Schwarm Makre­len nähert sich von Nor­den her, unge­heure Bewe­gung, wie eine riesige Hand fährt sie auf dem Radarschirm langsam die Küste ent­lang. Noe wün­scht eine Fotografie John Dos Pas­sos’ zu sehen. So etwas hat’s noch nie gegeben. — Ahoi! Dein OE

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31.07.2011
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tiefenschatten

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char­lie

~ : oe som
to : louis
sub­ject : SCHATTEN
date : aug 18 11 5.12 p.m.

Seit zwei Tagen bere­its keine Nachricht aus der Tiefe. Wir hören Noe’s Atem, wir verze­ich­nen das Gewicht seines Taucher­anzuges an der Winde des Schiffes. Noe ist noch bei uns, aber kein Wort zu hören von Noe. Wed­er antwortet er auf Fra­gen, noch fol­gt er unserem Wun­sch, er möge doch weit­er lesen in Tony Morrison’s Roman Jazz. Wir hat­ten das Buch am ver­gan­genen Mon­tag zu ihm in die Tiefe geschickt. Noe las noch an dem sel­ben Abend drei Stun­den, dann war er eingeschlafen. Sei­ther schweigt Noe, weshalb Miller sich vor Stun­den­zeit zur Inspek­tion auf den Weg nach unten begab. 2 Fuß in der Minute, schneller geht das nicht, schneller würde Miller das Leben kosten, wir müssen uns gedulden. Fünf Stun­den noch, dann wird Miller Noe erre­ichen, eine span­nende Sit­u­a­tion, vielle­icht wird auch Miller dann schweigen, das ist denkbar, eine beun­ruhi­gende Vorstel­lung wie unsere bei­den Tief­seemän­ner schweigend in der Düster­n­is schweben, wie sie sich vielle­icht unter­hal­ten wer­den in der Zeichen­sprache der Tauch­er. — Habe ich Dir, lieber Louis, berichtet, dass es schneite vor weni­gen Tagen? Noch nie habe ich Schnee auf offen­er See beobachtet. Seemöwen jagen dicht über die Wasser­ober­fläche hin. Es sieht so aus, als wür­den sie Flock­en fan­gen, mächtige Tiere, gelbe Schnä­bel, hell­braune Flügel. Sie wirken in etwa verklei­det, Möwen­vögel, die sich in Kostü­men junger Habichte bewe­gen, ihre schrillen Rufe, ein weit­eres Dutzend sitzt auf unserem Funk­turm, Eiszapfen haben sich gebildet, Wolken kom­men näher, berühren das Wass­er. Miller ist in diesem Moment auf fünfhun­dert Fuß Tiefe angekom­men. Unter ihm, meldet Miller, sei in der Dunkel­heit Noe zu erken­nen, das Licht sein­er Lam­p­en. Ein gewaltiger Kör­per­schat­ten soll vor ihm zu sehen sein. Ich melde mich bald wieder. Dein OE

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18.08.2011
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ping

schnecken

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echo

~ : oe som
to : louis
sub­ject : SCHNECKEN
date : sept 24 11 7.12 p.m.

Früher Abend, ruhige See. Möwen, die unser Schiff wie eine Insel bewohnen, kreisen dicht über dem Wass­er. Ger­ade eben meldete Noe, zwei Putzer­sch­neck­en näherten sich seinem Gesicht. Er müsse jet­zt vor­sichtig sein, um sie nicht zu ver­let­zen, sofern sie seinen Mund entern soll­ten. Noe wohlauf. Seit zwei Wochen senden wir Jazz, wann immer Noe Jazz zu hören wün­scht. Wir haben zunächst Char­lie Park­er geladen, das machte ihn nervös, weil er sich nicht bewe­gen kann im Taucher­anzug im Rhyth­mus, der schnell geht, ruh­e­los. Wir proben, forschen nach san­fteren Takes. Er könne, das sei neu, berichtet Noe, wenn er das Wort Regen lese, sich das Geräusch des Regens nicht länger in Erin­nerung rufen, als würde sich das Wort Regen nach und nach entleeren. Wir haben ver­sprochen, Regen für ihn aufzuze­ich­nen und in die Tiefe zu schick­en. Gestern, als wir nachts alleine miteinan­der sprechen kon­nten, wün­schte Noe, dass ich ihm das Schiff beschreibe, unter welchem er schwebt. Er sei glück­lich, sagte Noe, aber er sehne sich nach ein­er Uhr. — Dein OE SOM

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24.09.2011
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alpenregen

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echo

~ : oe som
to : louis
sub­ject : ALPENREGEN
date : okt 31 11 10.52 p.m.

Besten Dank, lieber Louis, für das feine Ton­ma­te­r­i­al, das Du uns gesendet hast. Wir haben Deine Alpen­re­gengeräusche am ver­gan­genen Don­ner­stag zu Noe in die Tiefe über­mit­telt. Große Freude! Gle­ich­wohl sehnt Noe sich nach wie vor eine Uhr her­bei, die wir ihm lei­der nicht gewähren kön­nen. Es ist nun fol­gen­des geschehen. Noe presste, vielle­icht zunächst ohne einen Vor­satz, seine rechte Hand gegen die Innen­seite seines Taucher­anzuges und kon­nte in dieser Weise Puls­be­we­gun­gen erspüren. Von diesem Moment an zählte Noe die Schläge seines Herzens, er zählte bis er die Zahl 70 erre­ichte, eine Minute Zeit, seit zwei Tagen immerzu der selbe Prozess der Zäh­lung mit lauter Stimme, eine Demon­stra­tion sein­er Wil­lensstärke, die uns nach und nach unheim­lich wird, Noe, eine Uhr, auch schlafend, däm­mernd, träu­mend, eine Uhr, ver­dammt, ich war mehrfach ver­sucht gewe­sen, Noes Mikrophon auszuschal­ten, Ruhe an Bord, eine Gewalt­tat, die Bewe­gung eines kleinen Fin­gers nur, Stille, und doch nicht Stille, weil ich die Fort­set­zung des Zäh­lens in der Tiefe annehmen müsste, ein­und­fün­fzig, zweiund­fün­fzig, dreiund­fün­fzig. Kurz nach 10 Uhr, eiskalte Nacht, aufk­om­mender Wind von Nord­west, wir haben schw­eren See­gang zu erwarten. Dein OE SOM — Ahoi!

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31.10.2011
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james baldwin

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tan­go

~ : oe som
to : louis
sub­ject : JAMES BALDWIN
date : mar 22 12 11.15 p.m.

Absolute Stille. Kein Wind, keine Bewe­gung auf dem Wass­er, der Him­mel leer. Seit 382 Tagen schwebt Tauch­er Noe unter uns in der Tiefe. Er scheint glück­lich zu sein, die Tage seines Auf­begehrens sind vorüber. Noch vor weni­gen Wochen wün­schte Noe, zurück­kehren zu dür­fen, sofort! Wir haben ihm vom Regen erzählt, von Stür­men, von sein­er Mut­ter, von seinem Vater, wie stolz sie auf ihn sind. Nach 5 Tagen war Noe ruhiger gewor­den, mürbe von der lan­gen Zeit toben­den Zweifels, vielle­icht auch deshalb, weil wir ihn aus 850 Fuß Tiefe der Dunkel­heit auf Höhe der Däm­merung hoben, eine Ahnung von Licht, Hoff­nung, das Gefühl, noch nicht ver­loren zu sein. Ein tapfer­er Mann. Er habe das Wort Schnee in seinem Kopf hin und her bewegt, aber er könne nicht sagen, was es bedeute. Sorge bere­ite ihm außer­dem, dass er sein Gesicht nicht erin­nere. Sei­ther disku­tieren wir, ob wir ihm nicht doch ein heit­eres Bild sein­er Per­son über­mit­teln kön­nten, Noe dro­hte das Rück­wärtssprechen zu üben. All das scheint nicht ungewöhn­lich zu sein für seine schwebende Lage, ein lange Zeit andauern­der Moment von Ein­samkeit, Fis­che, die ihn beobacht­en, Wörter gehen ver­loren. In dieser Sekunde, lieber Louis, da ich Dir schreibe, begin­nt Noe wieder zu lesen mit heller Stimme, James Bald­win / Unter­wasser­buch No 285, nachts träumte ich, und mor­gens wachte ich zit­ternd auf, kon­nte mich aber nie an den Traum erin­nern, nur daran, dass ich ger­an­nt war. Ich wusste nicht mehr, wann es mit diesen Träu­men ange­fan­gen hat­te; es war lange her. Zwis­chen­durch gab es Zeit­en, in denen ich über­haupt nicht träumte. Und dann ging es wieder los, jede Nacht. – Ahoi! Dein OE SOM

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23.03.2012
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indianer

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delta

~ : oe som
to : louis
sub­ject : INDIANER
date : mar 30 12 9.28 a.m.

Gestern Abend, stür­mis­che See, war Miller mit ein­er Schachtel Fotografien Noe’s vom Fes­t­land zurück­gekehrt. Es dunkelte bere­its als er mit dem Segelschiff Esther Valdez zufrieden ein­traf. Wir saßen dann die halbe Nacht an einem Tisch, um eine erste Fotografie unter drei Dutzend weit­er­er Fotografien Noe’s auszuwählen. Noe als Säugling auf einem Wick­eltisch liegend. Noe in ein­er Bade­wanne mit einem Hütchen auf dem Kopf. Er war damals vier oder fünf Jahre alt gewe­sen und lachte in die Kam­era. Noe zur Karneval­szeit, ein Indi­an­er. Noe wie er ein kleines Mäd­chen küsst, das größer ist als er selb­st. Ein Pass­bild in Farbe. Noe ist bere­its weit über 20 Jahre alt gewe­sen, mit diesem Bild wollen wir begin­nen, und so haben wir Noe’s Fotografie in Glas gepanz­ert. Miller machte sich dann nach etwas Schlaf höch­st­per­sön­lich auf den Weg abwärts. Er ist in diesem Moment auf Tiefe 250 Fuß angekom­men, noch zwei Stun­den und er wird Noe erre­ichen. Miller meldet, er könne Noe bere­its erken­nen, einen leuch­t­en­den Punkt, sagt Miller, einen gle­ich­mäßig blink­enden Punkt. Noe selb­st scheint zufrieden zu sein. Er ist wach, wir hören seinen Atem. Noch vor weni­gen Minuten ver­suchte er seinen Blick nach oben zu richt­en, aber seine Kräfte sind zu ger­ing, um seinen schw­eren Anzug bewe­gen zu kön­nen. Er sei nicht mehr der Jüng­ste, sagte Noe. Er sehne sich nach ein­er Uhr, set­zte er hinzu. — Das Meer ist heute ruhig. Ein san­ft­blauer Him­mel über uns. Nichts an dieser Stelle deutet daraufhin, welch drama­tis­che Geschichte sich unter uns in aller Stille ereignet. Ob Noe sich wieder erken­nen wird? — Ahoi, lieber Louis. Dein OE SOM

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30.03.2012
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handohren

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sier­ra

~ : oe som
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sub­ject : HANDOHREN
date : may 27 12 3.05 a.m.

Lieber Louis, Mit­ter­nacht ist längst vorüber. Ich bin ruhig, aber ich kann nicht schlafen. Seit Tagen geht das so mit mir, dass ich die Augen schließe und doch wach liege, zumin­d­est nicht wirk­lich auf die andere Seite gelange. Ich spüre wie sich das Schiff auf und ab bewegt, manch­mal erhebe ich mich und gehe spazieren an Deck, oder ich besuche Lin, die sich für den Monat Mai in Nachtschicht befind­et. Seit drei Tra­gen sitzt sie in der Werk­statt an der Über­tra­gung des Romans Mol­loy von Samuel Beck­ett. Ich darf ihr zuse­hen, wie sie Zeichen für Zeichen aus dem papiere­nen Buch kopiert, eine geschmei­di­ge Bewe­gung, sie schreibt ohne ihren Blick auf den Stift zu richt­en. Jedes Wort, das sie in Angriff nimmt, wird zunächst in den Raum geflüstert: Wachtelkönig. Als ob sie eine Anweisung geben würde, als ob ihre schreibende Hand über geheime Ohren ver­fügte. Ich wün­schte mir, ich kön­nte ihre Hände ein­mal einge­hend unter­suchen, einen Bericht schreiben über die Ent­deck­ung der Han­dohren kurz nach Mit­ter­nacht auf einem Schiff vor Neu­fund­land. Eigentlich, lieber Louis, wollte ich Dir von meinem ersten Besuch bei Noe in der Tiefe bericht­en, was ich dort gese­hen habe, seine Augen wie sie meine Augen betra­chteten durch das Panz­er­glas. Ich denke, ich bin noch nicht so weit. Ich werde Dir aus­führlich notieren sobald ich ein­mal eine Nacht durchgeschlafen habe. Es ist möglich, dass ich das Tauchen nicht ver­trage oder Noe’s hellen Blick vielle­icht, der mich ver­fol­gt, ich gebe das zu, Noe’s Blick ver­fol­gt mich. Manch­mal denke ich, dass nicht richtig ist, was wir tun. Gute Nacht! Ahoi! Dein OE SOM

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27.05.2012
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robert walser

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marim­ba

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sub­ject : KORALLEN
date : jul 31 12 4.37 p.m.

Seit 552 Tagen nun befind­et sich Tauch­er Noe vor Neu­fund­land in 820 Fuß Tiefe von einem eis­er­nen Anzug umfan­gen. Es ist ein Wun­der wie gut sich Noe hält. Jeden Mor­gen, wenn ich unseren Funkraum betrete, lausch ich in die Tiefe, freu mich, wenn ich Noes lesende Stimme oder seinen Atem höre. Während meines Besuch­es vor Kurzem im Mai, habe ich Koral­lengewächse von seinem Gehäuse ent­fer­nt, Sch­neck­en und andere kleine Tiere, die sich dort fest­ge­set­zt hat­ten. Ich beobachtete Noe sehr genau, seinen Blick, seine Augen hin­ter der gepanz­erten Scheibe. Wie er sich doch über meinen Besuch gefreut hat­te, gemein­sam schaukel­ten wir durchs Meer vielle­icht ein­hun­dert Meter eines Weges in ewiger Däm­merung auf und ab. Ich hielt mich fest an seinen Anzug gepresst. Kurz vor mein­er Rück­kehr an die Wasser­ober­fläche fragte ich Noe, ob er noch eine Weile aushal­ten würde, dieser Blick, lieber Louis, dieser Blick. Manch­mal denke ich bei mir, wir soll­ten aufhören, wir soll­ten ihn zurück­holen. Aber immer dann, wenn wir Noe in Bewe­gung set­zen, wenn wir ihn anheben wollen, begin­nt er zu protestieren, ein selt­sames Geräusch, das ich so nie zuvor ver­nom­men habe. Aus dem heuti­gen Tag ist ein äußerst angenehmer Som­mertag gewor­den. Das Meer voll­ständig ohne Bewe­gung. Fliegen­schwärme ste­hen dicht über dem Wass­er. Wir haben keine Vorstel­lung, woher sie kom­men und wohin sie wollen. Noe liest mir san­fter Stimme seit fünf Stun­den aus einem weit­eren Unter­wasser­buch, Robert Walsers Geschicht­en, das wir vor ein­er Woche fer­tig stellen kon­nten: Es gibt Vor­mit­tage in Schus­ter­w­erk­stät­ten, Vor­mit­tage in Straßen und Vor­mit­tage auf den Bergen, und let­ztere mögen so ziem­lich das Schön­ste auf der Welt sein, aber ein Bankhausvor­mit­tag gibt entsch­ieden noch mehr her. – Ahoi! Bis bald ein­mal wieder Dein OE SOM

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31.07.2012
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quallenuhr

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ulysses

~ : oe som
to : louis
sub­ject : QUALLENUHR
date : sept 12 12 10.22 a.m.

Ganz plöt­zlich, lieber Louis, habe ich Lust bekom­men, Dir zu schreiben. Eigentlich wollte ich mich erst am kom­menden Sam­stag melden, aber ein Sturm bewegt sich auf uns zu und es ist nichts zu tun, als zu warten, ob er uns mit voller Wucht tre­f­fen wird. Ver­mut­lich ist es diese Warterei, die an unseren Ner­ven zer­rt. Auch, dass die Tage wieder kürz­er wer­den. Gestern haben wir einen Schwarm Tin­ten­fis­che beobachtet, der unser Schiff umkreiste. Eine ungewöhn­lich­er Anblick, die Tiere waren schneeweiß. Wir haben einige gefan­gen, sie schmeck­en süß, wenn man sie brät, nach Brot, nach Gebäck, nach Man­deln. Beun­ruhi­gend ist, dass sie wed­er über Herzen noch Augen ver­fü­gen. Eine halbe Nacht haben wir einen Fisch nach dem andern durch­sucht. Als wir kein Exem­plar mehr hat­ten, um unsere Suche fort­set­zen zu kön­nen, ist Miller mit dem Bei­boot los­ge­fahren. Fast wind­still ist es hier unten auf Höhe des Meeres, weit oben jedoch rasende Wolken von West nach Ost. Ja, lieber Louis, wir durch­leben schwierige Tage. Und Noe, unser Noe in der Tiefe, ist von Fieber befall­en. Wir haben ihn gut 150 Fuß ange­hoben, damit er Licht sehen kann. Seit mehreren Stun­den wieder­holt er eine kleine Geschichte, von der wir nicht wis­sen, woher sie kommt. Noe sagt, Noe stelle sich ein Zim­mer vor, ein fre­undlich­es, helles Zim­mer von aller­fe­in­ster Qual­len­haut, ein Zim­mer von Wass­er, ein Zim­mer von Salz, ein Zim­mer von Licht. Man kön­nte dieses Zim­mer, und alles was sich im Zim­mer befind­et, das Qual­len­bett, die Qual­lenuhr, und all die Qual­len­büch­er und auch die Schreib­maschi­nen von Qual­len­haut, trock­nen und fal­ten und sich 10 Gramm schw­er in die Hosen­tasche steck­en. Und dann geht man mit dem Zim­mer durch die Stadt spazieren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und set­zt sich in ein Kaf­fee­haus und wartet. Noe sitzt also ganz still und zufrieden unter ein­er Ven­ti­la­tor­mas­chine an einem Tisch, trinkt eine Tasse Kakao und lächelt und ist geduldig und sehr zufrieden, weil nie­mand weiß, dass er ein Zim­mer in der Hosen­tasche mit sich führt, ein Zim­mer, das er jed­erzeit aus­pack­en und mit etwas Wass­er, Salz und Licht, zur schön­sten Ent­fal­tung brin­gen kön­nte. Hier spricht Noe. Noe stellt sich ein Zim­mer vor, ein fre­undlich­es, helles Zim­mer von fein­ster Qual­len­haut. — Beste Grüße. Ahoi. Dein OE SOM

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12.09.2012
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anton voyls fortgang

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delta

~ : oe som
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sub­ject : ANTON VOYLS FORTGANG
date : nov 10 12 10.08 p.m.

Es ist gekom­men, wie ich es erwartet habe. Noe schweigt. Wir haben ihm George Perecs Roman Anton Voyls Fort­gang in die Tiefe geschickt. Es han­delt sich in unser­er Ver­such­sanord­nung um das Unter­wasser­buch No 282, ein Buch, in dem der Buch­stabe E auf 320 Seit­en nicht erscheinen wird. Kurz nach­dem Noe seine Lek­türe mit fes­ter Stimme aufgenom­men hat­te, ver­sucht­en wir vorherzuse­hen, wie lange Zeit Noe lesen würde, ehe er das voll­ständi­ge Fehlen eines bedeu­ten­den Buch­stabens im Text bemerkt haben würde. Er las etwa 10 Minuten, dann hörte er auf, seine Stimme wurde zunächst leis­er, er dehnte die Worte, sagte, dass ihm etwas merk­würdig vorkom­men würde, er könne noch nicht sagen, was genau ihm merk­würdig erscheine, er müsse nach­denken. Wir sitzen jet­zt alle vor den Laut­sprech­ern und Bild­schir­men und warten. Im Schein der Lampe, die Noe und das Buch, das er in seinen schw­eren Hän­den hält, beleuchtet, sehen wir, dass er sich langsam bewegt. Er scheint im Buch zu blät­tern. Er scheint über­haupt noch immer, nach 656 Tagen in ein­er Meer­estiefe von 820 Fuß schwebend, ein guter Beobachter zu sein, obwohl es nichts zu sehen gibt als etwas Däm­merung, wenn Tag gewor­den ist, und ein paar Fis­che, die ihn von Zeit zu Zeit besuchen. Ich nehme an, Noe wird oft an uns denken. Er hört uns zu, hört was wir sprechen, auch dann, wenn wir unter uns sind, wenn wir vergessen haben, das Mikrophon auszuschal­ten. An der Art und Weise wie wir atmen, ver­mag Noe zu unter­schei­den, ob Lin, Eric, Mar­tin, Tom, Lil­ly oder ich vor dem Mikrophon Platz genom­men haben. Ger­ade eben begin­nt er wieder zu lesen, er scheint an den Anfang des Buch­es zurück­gekehrt zu sein: In Roca­madour gabs Mundraub sog­ar am Tag: man fand dort Thun­fisch, Milch und Schokobon­bons im Kilo­pack. Und wieder schweigt Noe. Es ist später Abend. Sam­stag. Ein Frachtschiff, hell beleuchtet, lungert am Hor­i­zont. Ahoi, lieber Louis. Dein OE SOM

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10.11.2012
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teegedanken

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nord­pol

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sub­ject : TEEGEDANKEN
date : dec 21 12 11.05 p.m.

Einige Tage und Nächte haben wir alle gemein­sam in der Werk­statt zuge­bracht. Noe kon­nte uns hören in der Tiefe, wir hat­ten unsere Mikro­phone nicht aus­geschal­tet, um ihn teil­haben zu lassen an unserem Leben. Jet­zt, lieber Louis, jet­zt da der heilige Abend näher kommt, wird Noe melan­cholisch. Er fragte wieder nach seinen Eltern, ob seine Mut­ter und sein Vater noch lebten. Was sollen wir antworten? Was nur, ver­dammt, sollen wir antworten? Nichts als die Wahrheit? Wir wis­sen es nicht! Und so tun wir unser Bestes, Noe aufzuheit­ern. Ben­ny Good­man spielt von der Kon­serve: Live at Carnegiehall. Noe liebt Ben­ny Good­man seit Kind­heit­sta­gen. Weit­er­hin haben wir Noe in eine leichte, beruhi­gende Schwingung ver­set­zt, er pen­delt jet­zt unter dem Schiff mit ein­er Ampli­tude von 20 Metern nach links und nach rechts. Indessen ahnt Noe nicht, was hier oben bei uns vor sich geht. Es ist näm­lich so, dass wir unserem Tauch­er eine Über­raschung bere­it­en wer­den. Eric, unser Mas­chin­ist, hat­te die Idee, einen Wei­h­nachts­baum für Noe zu kon­stru­ieren, die Anmu­tung eines Wei­h­nachts­baumes genauer, der geeignet ist, in die Tiefe gelassen zu wer­den. Wir haben uns Mühe gegeben, der Baum ist hüb­sch gewor­den, drei Meter hoch, ein Gebilde aus Met­all, das über einen Stamm und Äste ver­fügt. Da und dort haben wir Unter­wasser­fack­eln befes­tigt, die wir von der Ferne zün­den wer­den. Ein beson­der­er Abend, lieber Louis, ste­ht bevor! Ob wir das Licht erken­nen wer­den an der Ober­fläche des Meeres? Was wird Noe sagen? Und wie wer­den die Fis­che, die großen und die kleinen Raub­fis­che reagieren? — Es ist jet­zt Fre­itag und spät. Ein Duft von Zimt, Gewürznelken und Kaf­fee strömt durch das Schiff. Am Mon­tag wer­den wir uns ein paar junge Süßwasser­welse brat­en. Es geht alles also einen guten Weg. Vor Stun­den noch zitierte Tauch­er Noe aus dem Gedächt­nis einen weisen Satz, den der Philosoph Gui­do Ceronet­ti in seinen Teegedanken notierte. Noe sagte: Wenn ich wie ein Ver­lier­er leben kön­nte, wäre ich es etwas weniger. — In diesem Sinne, lieber Louis : Ahoi! Dein OE SOM

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22.12.2012
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polaroidschirme

vögel

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delta

~ : oe som
to : louis
sub­ject : VOEGEL
date : april 24 13 2.05 p.m.

Ich hörte wie Noe mit Vögeln sprach. Eine Stunde lang war seine knis­ternde Stimme zu vernehmen. Er flüsterte: Hal­lo, hier ist Noe, seht ihr mich? Schaut her, was für ein Wun­der!  Aber dann, sobald sich die Vögel von ihm ent­fer­n­ten, wurde seine Stimme laut, sein Aus­druck nach­drück­lich. Er ver­suchte sich bemerk­bar zu machen, als ob er hoffte, sie wür­den ihn mit sich nehmen. Nie­mand kann seine Stimme hören, nur wir kön­nen Noes Stimme hören! Gegen drei Uhr habe ich Tauch­er Noe ange­sprochen, um ihn festzuhal­ten, um ihn daran zu erin­nern, dass wir noch bei ihm sind. Noe, sagte ich, Noe, hör zu! Ich erwarte, dass Du mir erzählst, was Du siehst! — Da sind Vögel, antwortete Noe, sehr große Vögel, Vögel wie ich sie noch nie zuvor gese­hen habe. Wir wollen davon schweigen! — Der Mor­gen kam glück­licher­weise rasch, Mar­tin machte sich unverzüglich auf den Weg in die Tiefe, noch drei oder vier Stun­den und er wird Noe erre­ichen. Unser Tauch­er indessen war eingeschlafen. Mehrfach habe ich ver­sucht, ihn zu weck­en. Ich sagte: Noe, wie geht es Dir? Erzähl mir, was sind das für Vögel, die Du siehst? Keine Antwort. Stille von der Tiefe her, nichts als Noes langsam schla­gen­des Herz. Gegen den Mit­tag zu ver­merk­te Noe plöt­zlich, wir hät­ten ihm schon lange Zeit eine Brille ver­sprochen. Ich meine, fuhr Noe fort, dass ich ein Recht auf eine Brille habe, wenn ich schon lese, stun­den­lang aus Büch­ern lese, die ich wed­er wählte noch wün­schte. Meine Augen schmerzen, Ihr soll­tet mich her­auf­holen und mir eine Brille ver­passen. Das sagte Noe noch vor weni­gen Minuten. Es klang wie eine Dro­hung. — stop. — Mittwoch, 24. April 2013. Tauch­er Noe seit 781 Tagen unter Wass­er. — stop. Tiefe 828 Fuß. — stop. Ahoi! Dein OE SOM

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24.04.2013
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polaroidqualle

südostnordwest

2

tan­go

~ : oe som
to : louis
sub­ject : SÜDOSTNORDWEST
date : july 02 13 8.12 p.m.

Tauch­er Noe seit 851 Tagen unter der Wasser­ober­fläche. Tiefe 812 Fuß. Posi­tion: 42°55’NORD 51° 42’ WEST. stop. Es ist kurz nach Mit­ter­nacht, die See wieder ruhig. Gestern, unge­fähr zur sel­ben Tageszeit, wur­den wir wie aus dem Nichts von ein­er mächti­gen Welle getrof­fen. Beina­he wären wir geken­tert. Entset­zt über das Vorge­fal­l­ene, lagen wir einige Minuten still. Dann macht­en wir uns auf die Suche, woll­ten wis­sen, ob wir noch vol­lzäh­lig waren. Momente voller Demut. Ich erin­nere mich an Lid­wiens zartes, blass­es Gesicht, wie sie vor dem Funkgerät sitzt und Noe anruft, er möge sich melden. Es war wie ein Gebet, sie fürchtete, ihn ver­loren zu haben, das Tau, an dem er in der Tiefe schwebt, kön­nte geris­sen sein, aber wir spürten ein leichte, schaukel­nde Bewe­gung unter dem Schiff. Es hat­te den Anschein, als würde Noe unter uns durchs Dunkel pen­deln. Nach ein­er hal­ben Stunde geduldigen Hof­fens meldete er sich, wollte wis­sen, was geschehen war. Natür­lich antworteten wir auswe­ichend, um ihn nicht zu beun­ruhi­gen. Erst ver­gan­gene Woche war es gewe­sen, da wir Noe erk­lärten, dass zu seinen Füßen weit­ere 10660 Fuß Tiefe warteten. Noe war für zwei Tage sprach­los gewe­sen, dann begann er Mur­phys Geschichte zu lesen Stunde um Stunde, set­zte immer wieder von vorne an, das Buch scheint ihn zu beruhi­gen. In diesem Moment, da ich Dir schreibe, geht es wieder los: Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hat­te, auf nichts Neues. Mur­phy saß, als ob es ihm frei stünde, im Schat­ten, in ein­er Gasse West Brombtons. Hier hat­te er wohl schon sechs Monate lang gesessen, getrunk­en, geschlafen, sich an- und aus­ge­zo­gen, in einem mit­tel­großen Käfig mit Front nach Nord­west­en und unun­ter­broch­en­er Sicht auf mit­tel­große Käfige mit Front nach Südosten. – Es ist uns, lieber Louis, ein gutes Zeichen, dass Noe wieder liest. Wir haben ihm ver­sprochen, noch in diesem Monat eine Brille aufzutreiben, ein Gestell zu fab­rizieren, das an seinem Helm befes­tigt wer­den kann. Manch­mal denke ich, Noe glaubt uns nicht mehr, keinem unser­er Ver­sprechen, kein­er Idee. — Ahoi! Dein OE SOM

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03.07.2013
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polaroidkueste3

marías

2

echo

~ : oe som
to : louis
sub­ject : MARÌAS
date : aug 10 13 10.58 p.m.

Seit Noe eine Brille trägt, liest er zügig und fehler­frei wie noch vor Monat­en aus Büch­ern, die wir zu ihm in die Tiefe senden. Als ich ihn besuchte, war er müde von der Lek­türe Javier Marías ger­ade eben eingeschlafen. Und so kon­nte ich für län­gere Zeit heim­lich sein Gesicht betra­cht­en hin­ter der Scheibe von gepanz­ertem Glas. Er ist blass gewor­den. Kein Wun­der, kaum Son­nen­licht an der Gren­ze zur Fin­ster­n­is. Während ich Noe betra­chtete, wan­derte eine Putzer­sch­necke über seine Stirn dahin. Sie stieg bald über Noes Nase abwärts, um kurz darauf in aller See­len­ruhe seine linke Wange zu bewan­dern. Er scheint sich an die Exis­tenz der Tiere auf seinem Kör­p­er gewöh­nt zu haben, nach wie vor sind es fünf Sch­neck­en. Er wird von ihren Berührun­gen niemals wach, selb­st dann nicht, wenn sie sich um seine Lip­pen bemühen. Ich über­legte, wie der Geruch der Luft in Noes Anzug nach langer Zeit der Abgeschieden­heit beschaf­fen sein kön­nte. Ein Schwarm Haifüssliere näherte sich, neugierige Wesen? Vielle­icht wur­den sie von Helm­licht Noes ange­zo­gen, einem sich langsam durch das Zwielicht drehen­den Fin­ger. Er scheint zu flack­ern. Ich hat­te vergessen, wie jung Noe doch ist. Ohne ihn aus der Nähe sehen zu kön­nen, nur seine lesende Stimme hörend, war der Tauch­er in mein­er Wahrnehmung geal­tert, ohne dass ich das bemerk­te. Sein Gesicht ist schmal gewor­den. Ich ver­mochte seine Augen­bälle zu erken­nen, die sich unter ihren Lid­ern hin und her bewegten. Plöt­zlich sah er mich an. Er lächelte, und er sprach ein paar Wörter, die ich nicht ver­ste­hen kon­nte, obwohl ich nur wenige Zen­time­ter ent­fer­nt gewe­sen war. Ich antwortete, ich sagte: Noe, hör zu, Dein Vater ist gestor­ben. Da lachte Noe, ver­mut­lich dachte er: Der Mann ist so nah und er spricht und doch kann ich nicht hören, was er sagt. Dann machte ich mich an die Arbeit. Ich befes­tigte Noes Brille an seinem Helm. — Dein OE SOM

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10.08.2013
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polaroidsecuso

marlen

2

sier­ra

~ : oe som
to : louis
sub­ject : MARLEN
date : nov 03 13 8.15 p.m.

Zum ersten Mal in diesem Herb­st ist Schnee gefall­en. Sehr helles Licht am Nach­mit­tag, aber die Sonne war nicht zu sehen gewe­sen. Wolken, feines Gewebe, berührten das Wass­er, als sie sich lösten, begann es zu schneien. – Ver­gan­gene Woche ist Marlen an Bord gekom­men. Sie wird sich Noe kom­mende Woche in einem schw­eren Taucher­anzug näh­ern. Wir haben darüber gesprochen, ob sie nicht einige Tage in der Tiefe bleiben sollte, ein Gespräch führen Auge in Auge. Sie scheint sich zu fürcht­en vor der Enge, die sie erwartet, eine fröh­liche, junge Frau. Sie ver­bringt Stun­den Zeit damit, das Wass­er zu beobacht­en, das fast ohne Bewe­gung zu sein scheint. Aber es ist eine starke Strö­mung aufgekom­men, wir haben zwei Motoren ange­wor­fen, um unsere Posi­tion hal­ten zu kön­nen, das Schiff bebt. Noe berichtet, dass er uns in der Tiefe hören könne. Noch weiß er nicht, dass er bald Besuch bekom­men wird. Er liest in diesen Tagen Wal­ter Ben­jamins Geschicht­en ein­er Berlin­er Kind­heit, sehr langsam. Dann wieder, nach Pause, Noes Selb­st­ge­spräch: Lange Zeit­en ohne einen Gedanken ohne einen Wun­sch ohne eine Erin­nerung. Der Blick ins Wass­er. Zarte Fin­ger von Licht. Höre das Geräusch der Luft. Wün­schte ich hätte eine Uhr. — Ahoi, lieber Louis, DEIN OE SOM — stop

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3.11.2013
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schirmqualle

2

oli­mam­bo

~ : oe som
to : louis
sub­ject : SCHIRMQUALLE
date : dez 06 13 6.22 p.m.

Gestern ist Marlen zu ihrer zweit­en Exkur­sion in die Tiefe zu Noe aufge­brochen. Seit sie von ihrem ersten Besuch zurück­gekehrt war, hat­te sie nicht viel mit uns gesprochen. Sie erzählte lediglich, dass sie sich während der ersten Stun­den ihres Aufen­thaltes unter der Wasser­ober­fläche in ihrem Taucher­anzug vor allem darauf konzen­tri­ert habe, sich möglichst nicht zu bewe­gen. Immer dann, wenn sie sich bewegte, sei die Enge ihres Habi­tats deut­lich spür­bar gewor­den, sie habe dann unter Atem­not gelit­ten. Solange sie sich jedoch kaum bewegte, sei alles gut gewe­sen. Noe habe keine Notiz von ihr genom­men. Sie habe seine Augen bestens erkan­nt hin­ter der Scheibe seines Helmes, aber er selb­st habe nicht ein­mal ver­sucht, ihre, Mar­lens Augen, aufzusuchen mit einem Blick. Es sei ihr unheim­lich gewe­sen, entwed­er sei Noe sehr diszi­plin­iert oder längst ver­rückt gewor­den. Natür­lich habe sie geschlafen, selb­stver­ständlich habe sie während des Schlafens ihre Augen geschlossen, und natür­lich könne sie nicht auss­chliessen, dass Noe ihr in dieser Zeit nicht doch etwas Aufmerk­samkeit gewid­met haben kön­nte. In den lan­gen Stun­den ihres Besuch habe er ohne Unter­brechung vorge­le­sen. Er habe das Buch indessen mit seinen eis­er­nen Hand­schuhen fest­ge­hal­ten. Fis­che waren nicht in ihre Nähe gekom­men, weshalb sie Fis­che nicht beschreiben könne, aber eine blau leuch­t­ende Schir­mqualle. Sie habe das Seil, an dem Noe befes­tigt ist, genauer betra­chtet, es sei doch sehr dünn, auch Noes Atemver­sorgung wirke höchst zer­brech­lich. Natür­lich habe sie nicht unmit­tel­bar ver­standen, welche Wörter und Sätze Noe for­mulierte, obwohl sie ihm sehr nah gekom­men war. Sie habe jedoch Noes Stimme mit­tel­bar über den Funk des Schiffes gehört, eine Stimme, wie aus ein­er sehr großen Ent­fer­nung. – Weit­er­hin Schneefall und heftiger Wind. Es wird früh dunkel und sehr spät wieder hell. Bob ist seekrank. Ich melde mich wieder. Ahoi. Dein OE SOM

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6.12.2013
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safranmantel

2

echo

~ : oe som
to : louis
sub­ject : SAFRANMANTEL
date : april 24 14 10.55 p.m.

Es war, lieber Louis, vor zwei Tagen gewe­sen, als Noe die Lek­türe der Meta­mor­pho­sen Ovids von ein­er Sekunde zur anderen Sekunde unter­brach. Er las noch fol­gende Sätze des 10. Buch­es: Durch die unendliche Luft, vom Safran­man­tel umhül­let, geht Hymenäus ein­her, zu dem kalten Gebi­et der Ciko­nen, wo ihn umson­st anfle­het der Ruf des melodis­chen Orpheus. Jen­er erscheint ihm zwar; doch nicht heil­jauchzende Worte bringt er, noch fröh­lichen Blick, noch Ahnun­gen glück­lich­er Zukun­ft. Selb­st die gehal­tene Fack­el erzis­cht in beträ­nen­dem Dampfe immer­dar und gewin­nt nicht einige Glut von Bewe­gung. Schreck­lich­er war der Erfolg, wie die Deu­tun­gen. Durch die Gefilde Schweifte die jüngst Ver­mählte, vom Schwarm der Najaden begleit­et, ach, und starb, an der Ferse ver­let­zt von dem Bisse der Nat­ter. Als zu dem Him­mel empor der rhodopeis­che Sänger lange die Gat­tin beweint, jet­zt auch zu ver­suchen die Schat­ten. — Plöt­zlich Stille, auch keine Atemgeräusche, Nacht. Marlen hat­te Dienst. Nach­dem sie, trotz mehrfach­er Ver­suche, keinen Kon­takt zu Noe aufnehmen kon­nte, weck­te sie uns. Wir lauscht­en gemein­sam in die Tiefe unge­fähr eine Stunde lang. Es war nichts Ungewöhn­lich­es um uns her zu bemerken, auch auf dem Radar kein Hin­weis auf Fis­chschwärme oder Wale, die Noe nahegekom­men sein kön­nten. Am frühen Mor­gen, Tauch­er Noe hat­te seine Lek­türe nicht wieder aufgenom­men, aber er atmete gle­ich­mäs­sig und hat­te getrunk­en, machte sich Bob auf den Weg in die Tiefe. Zwei Stun­den dauerte sein Abstieg, dann meldete er mit flüstern­der Stimme: Ein U-Boot in unser­er Nähe. Es scheint uns zu umkreisen, ein dun­kler Schat­ten, ein beein­druck­end großes Schiff. Ich habe mich Noe genähert. Er lachte mich an. Das U-Boot trägt kein­er­lei Hoheit­sze­ichen. Ein fein­er Strahl von Licht bewegt sich in unsere Rich­tung wie ein Fin­ger, ohne uns zu berühren. — stop. — Es ist Don­ner­stag gewor­den, später Abend. Bob befind­et sich noch immer in 800 Fuß Tiefe bei Noe. Auch das U — Boot kreist weit­er­hin unter uns. Vor ein­er Stunde nahm Noe seine Lek­türe wieder auf, unsichere Stimme, aber immer­hin eine Stimme, die liest. Wir sind froh darum. Der Him­mel über uns, ohne Wolken. Sterne. Prächtig. — Dein OE SOM

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24.04.2014
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MELDUNGEN : OE SOM TO LOUIS / FIN

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