leon grog abends

9

echo : 2.55 — Am Flughafen, in einem Warte­saal unter dem Ter­mi­nal 1, hock­te ein älter­er Mann am späten Abend auf ein­er Bank. Neben ihm stand eine Flasche Milch auf dem Boden, sowie eine kleine, arg ram­ponierte Led­er­tasche, die man früher vielle­icht ein­mal über die Schul­ter hän­gen kon­nte, aber der Riemen der Tasche war vom lan­gen Tra­gen zer­schlis­sen, baumelte zu Teilen von den Seit­en der Tasche, die leicht geöffnet war, so dass ein Blick möglich wurde auf einen Stapel von Luft­post­briefen, die sich in die Tasche fügten, als wären sie genau für diese Tasche gefer­tigt oder aber die Tasche für genau diese Samm­lung schein­bar weit­gereis­ter Briefe. Sie waren vielfach geöffnet wor­den, vielle­icht gele­sen, das war deut­lich zu erken­nen. Einen der Briefe hielt der Mann ger­ade in dem Moment, da ich ihn auf der Bank bemerk­te, an sein Ohr, er schien zu lauschen. Seine Augen hat­te er geschlossen, er wirk­te konzen­tri­ert, ja andächtig. Als ich von dem alten Mann in dieser Hal­tung eine Fotografie mit meinem Tele­fon­ap­pa­rat machen wollte, sah er mich plöt­zlich an und hob in ein­er reflexar­ti­gen Bewe­gung den Brief in die Höhe, so dass sein Gesicht nun beina­he ganz verdeckt war. Da ging ich weit­er, um nicht zu stören, aber der Mann rief mir zu: Warten sie, set­zen sie sich! Er über­re­ichte mir den Brief, mit dem er kurz zuvor noch sein Gesicht mask­iert hat­te, und forderte mich auf, das Kuvert an mein Ohr zu hal­ten. Der Brief knis­terte, als ich ihn in meine Hände nahm. Auf der Anschriften­seite des Briefes war mit feinen Zeichen fol­gen­der Schriftzug aufge­tra­gen: Leon Grog, Av. Rovis­co, 26, Lis­boa. Der Mann lachte und deutete auf sich selb­st: Das bin ich, sagte er, Leon. Er wies mit ein­er großzügi­gen Geste auf eine Brief­marke hin, die akku­rat am recht­en oberen Rand des Briefes befes­tigt wurde, ein Stück Him­mel war zu erken­nen von hellem Blau, und ein blitzen­des Flugzeug, eine Car­avelle, die ger­ade eben zu starten schien. Als ich selb­st die Brief­marke an mein Ohr legte, hörte ich ein helles Rauschen, ich hörte die Motoren des Flugzeuges und schloss die Augen wie der Herr zuvor seine Augen geschlossen hat­te. Als ich sie wieder öffnete, bemerke ich einen weit­eren Brief, der gle­ich­falls an Her­rn Leon Grog adressiert wor­den war, wiederum nach Liss­abon, während der erste Brief aus den Vere­inigten Staat­en gesendet wor­den war, kam dieser hier von Kolumbi­en her, eine Brief­marke zeigte etwas Regen­wald und einen Nashorn­vo­gel von prächtigem Gefieder. — stop

ping

ping

ping

Kommentar verfassen

ping
Top