leon grog abends

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echo : 2.55 – Am Flug­hafen, in einem Warte­saal unter dem Terminal 1, hockte ein älterer Mann am späten Abend auf einer Bank. Neben ihm stand eine Flasche Milch auf dem Boden, sowie eine kleine, arg rampo­nierte Leder­ta­sche, die man früher viel­leicht einmal über die Schulter hängen konnte, aber der Riemen der Tasche war vom langen Tragen zerschlissen, baumelte zu Teilen von den Seiten der Tasche, die leicht geöffnet war, so dass ein Blick möglich wurde auf einen Stapel von Luft­post­briefen, die sich in die Tasche fügten, als wären sie genau für diese Tasche gefer­tigt oder aber die Tasche für genau diese Samm­lung scheinbar weit­ge­reister Briefe. Sie waren viel­fach geöffnet worden, viel­leicht gelesen, das war deut­lich zu erkennen. Einen der Briefe hielt der Mann gerade in dem Moment, da ich ihn auf der Bank bemerkte, an sein Ohr, er schien zu lauschen. Seine Augen hatte er geschlossen, er wirkte konzen­triert, ja andächtig. Als ich von dem alten Mann in dieser Haltung eine Foto­grafie mit meinem Tele­fon­ap­parat machen wollte, sah er mich plötz­lich an und hob in einer reflex­ar­tigen Bewe­gung den Brief in die Höhe, so dass sein Gesicht nun beinahe ganz verdeckt war. Da ging ich weiter, um nicht zu stören, aber der Mann rief mir zu: Warten sie, setzen sie sich! Er über­reichte mir den Brief, mit dem er kurz zuvor noch sein Gesicht maskiert hatte, und forderte mich auf, das Kuvert an mein Ohr zu halten. Der Brief knis­terte, als ich ihn in meine Hände nahm. Auf der Anschrif­ten­seite des Briefes war mit feinen Zeichen folgender Schriftzug aufge­tragen: Leon Grog, Av. Rovisco, 26, Lisboa. Der Mann lachte und deutete auf sich selbst: Das bin ich, sagte er, Leon. Er wies mit einer groß­zü­gigen Geste auf eine Brief­marke hin, die akkurat am rechten oberen Rand des Briefes befes­tigt wurde, ein Stück Himmel war zu erkennen von hellem Blau, und ein blit­zendes Flug­zeug, eine Cara­velle, die gerade eben zu starten schien. Als ich selbst die Brief­marke an mein Ohr legte, hörte ich ein helles Rauschen, ich hörte die Motoren des Flug­zeuges und schloss die Augen wie der Herr zuvor seine Augen geschlossen hatte. Als ich sie wieder öffnete, bemerke ich einen weiteren Brief, der gleich­falls an Herrn Leon Grog adres­siert worden war, wiederum nach Lissabon, während der erste Brief aus den Verei­nigten Staaten gesendet worden war, kam dieser hier von Kolum­bien her, eine Brief­marke zeigte etwas Regen­wald und einen Nashorn­vogel von präch­tigem Gefieder. – stop

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