ludmilla

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echo : 6.12 – Ich habe eine Email bekommen. Lesen Sie selbst: Verehrter Louis, wie geht es Ihnen? Ich hoffe, Sie sind wohl­be­halten zurück­ge­kehrt von Ihrer Reise. Leider konnten wir uns nicht treffen so wie noch im Januar geplant. Es ist schwie­riger geworden, das Haus zu verlassen. Ich fühle mich nicht länger sicher auf der Straße. Aber auch unter meinem eigenen Dach habe ich immer wieder das Gefühl, beob­achtet zu werden. Ich nehme an, es exis­tieren längst Ideen über mich, viel­leicht wird man sagen: Er könnte nun doch verrückt geworden sein. Aber natür­lich weiß ich, was ich tue und wovor ich mich fürchte. Im April war ich noch lange Stunden am Strand unter­wegs gewesen, besuchte meine Freundin Ludmilla, die abends vor dem Board­walk mit ihren Freuden im kalten Seewind sitzt. Ihr gehört jetzt ein Roll­stuhl, den sie von eigener Hand bewegen kann, weil sie zäh und leicht ist, Sie würden staunen. Irgend­wann muss ich das Haus wieder verlassen, das ist mir Herzens­wunsch, ich kann Ludmilla doch nicht verlieren, ohne sie noch einmal gesehen zu haben. Im Dezember wird sie 92 Jahre alt, da kann man an das Ende schon einmal denken, nicht wahr! Nun, ich will nicht klagen, bin sehr vorsichtig geworden. Wenn ich zum Einkaufen gehe einmal in der Woche, dann niemals allein, sondern immer in der Beglei­tung eines alten Freundes. Sie werden verstehen, dass ich seinen Namen nicht erwähne. Er ist zuver­lässig, hilft mir beim Tragen der Flaschen. Was ich sonst noch benö­tige, lass ich mir kommen. Ich erin­nere mich, jetzt da ich hier sitze und schreibe, dass ich als Kind einmal über­legte, eine Sprache zu erfinden, die nur ich verstehen kann. Ich hatte mir vorge­nommen, alle Wörter, die ich kannte, in meine neue Sprache zu über­setzen. Ich wollte lernen, mittels dieser Wörter zu denken. Seit wenigen Tagen nun arbeite ich daran, mir genau diesen uralten Wunsch zu erfüllen. Ist das nicht wunderbar! Viel­leicht werde ich mich bald wieder sicher fühlen. Seemöwen sitzen auf dem Balkon, ihre Augen wirken beizeiten so, als wären sie Objek­tive, die man füttern kann. Genug! Es ist Sonntag. Morgen werde ich Ihnen einen Brief von Papier über­mit­teln, in welchem ich eine Liste von Wörtern vermerkte, die Sie in Zukunft bitte nicht weiter verwenden, wenn Sie mir eine Email schreiben. Sie wissen, wo der Brief zu finden ist. Bis bald, mein lieber Louis. Ihr Michael – stop

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