misrata

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nord­pol : 6.38 — Ein faszinieren­des Wort geis­tert seit Monat­en in meinem Kopf. Ich kenne das Wort schon lange Zeit, hat­te ihm aber zunächst keine beson­dere Aufmerk­samkeit geschenkt, bis ich das Wort in dem Zusam­men­hang ein­er unheim­lichen Szene hörte aus dem Mund eines Reporters, der von der libyschen Stadt Mis­ra­ta berichtete. Das war im Okto­ber des ver­gan­genen Jahres gewe­sen. Im Kühlraum eines Super­mark­tes lagerte der Leich­nam Mua­mar Gaddafis auf ein­er Matratze, das Haar des Dik­ta­tors war zerzaust, seine Augen geschlossen, der Mund leicht geöffnet, dünne Fäden von Blut sick­erten aus zwei Wun­den. Men­schen standen in näch­ster Nähe, ihre Fußspitzen berührten das Lager des Toten. Sie standen dort auf neugieri­gen Füßen, um den Leich­nam zu betra­cht­en, manche pho­togra­phierten mit Handyap­pa­rat­en, andere, auch Kinder waren unter ihnen, warteten in ein­er Schlange vor dem Gebäude darauf, ein­treten zu dür­fen. Ich dachte noch an den schar­fen Geruch des Todes, der dort unsicht­bar auf die wartenden Men­schen ein­wirken musste, als der kom­men­tierende Reporter bemerk­te, die Bevölkerung der geschun­de­nen Stadt wür­den sich aus allen Him­mel­srich­tun­gen näh­ern, um den Leich­nam Gaddafis und den seines Sohnes zu b e ä u g e n. In diesem Augen­blick war das Wort, von dem ich hier berichtete, eingetrof­fen, ein zartes Wort wan­dern­der Augen. Wie sich unverzüglich in der Gegen­wart dieses Wortes der Schreck­en der Sit­u­a­tion, in etwas Men­schlich­es, beina­he Kindlich­es ver­wan­delte, in ein Ver­hal­ten, das ich ver­ste­hen kon­nte, eine Berührung, eine Vergewis­serung, dass wahr ist, wovon man hörte. Ein san­ftes Wort in der Umge­bung eines Krieges, ein neu­ronaler Hebel. — stop

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