es ist abend

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marimba : 6.02 – Wie Schnee, ein gutes Dutzend Menschen­fo­to­gra­fien. Von L., die über einem Buch einge­schlafen ist, wie sie an einem Küchen­tisch sitzt, den Kopf auf ihre Hände gebettet, sie muss bemerkt haben, dass sie gleich das Bewusst­sein verlieren wird. Von M., der im Wald über eine Wiese voller Schnee­glöck­chen spaziert, ein Manu­skript in der linken Hand, dessen Sätze er auswendig lernen muss, um sie auf einer Bühne zu spre­chen. Er geht sehr schnell, weil kaum noch Zeit ist, aber das ist auf der Scharz­weiß­fo­to­grafie nicht zu erkennen. Von P., die vor einer Erdmulde unter einer Birke steht. Das Grab der Eltern ist verschwunden, der Hügel voller Blumen, ein Gedenk­stein, aber die Birke ist noch da, sie war schon da als sie geboren wurde, und sie weiß, dass tief da unten auch die Knochen der Eltern noch immer anwe­send sind. Von I., der sich, wie ein Jahr zuvor, Tag für Tag darüber freut, dass er das Wort Kühl­schrank zu erin­nern vermag. Von J., die einen Foto­ap­parat auf sich selbst richtet an einem Abend, da sie bemerkt, dass das Sausen in ihren Ohren plötz­lich verschwunden ist, wie sie der Stille lauscht. Von K., die über eine Straße stürmt auf dem Weg zum Tanz, barfuss, ihre roten, flachen Leder­schuhe in der rechten Hand, und obwohl es regnet, wirbeln nasse Blätter hinter ihr durch die Luft. Von N., deren Schwester in Kobane kämpfte, wie sie schläft. Die Schwester soll N. sehr ähnlich gewesen sein, aber niemand weiß das so genau, weil die Schwester vor 15 Jahren in den Unter­grund verschwand, weil sie in den Bergen kämpfte, weil der Krieg mit Menschen­ge­sich­tern macht was er will, weil sie nie wieder zurück­kehren wird. Von M., die im Dezember noch in den Bergen wanderte auf einer Alm, wo der Schnee Muster auf eine Wiese zeich­nete, wie sie auf der Haut der Sommer­kühe anzu­treffen sind. Von dem kleinen H. aus Aleppo, der sich wundert, dass er noch immer lebt. Er zeigt gerade Sieges­zei­chen mit beiden Händen, als der Foto­graf seiner­seits seine letzte Aufnahme macht. Von K., der mit geschlos­senen Augen auf einer Violine spielt, die aus Stirn­kno­chen eines gestran­deten Wales geschnitzt wurde. Von Y., die in einem feinen dunkel­blauen Kostüm nahe Columbus Circle im Central Park neben einem Roll­koffer steht und mit einem Eich­hörn­chen spricht, das mit gespitzten Ohren vor ihr sitzt. Es ist Abend. – stop

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