hydra No 2

2

lima : 22.55 – Es schneit angeb­lich, mag es schneien. Über dem Schnee und seinen Wolken scheint der Mond. – Was haben wir heute eigent­lich für einen Tag, Sonntag viel­leicht oder Montag? Abend jeden­falls, einen schwie­rigen Abend. Würde ich aus meiner Haut fahren, sagen wir, oder mit einem Auge meinen Körper verlassen und etwas in der Zeit zurück­reisen, dann könnte ich mich selbst beob­achten, einen Mann, der gegen sechs Uhr in der Küche steht und spricht. Der Mann spricht mit sich selbst, während er Tee zube­reitet, er sagt: Heute machen wir das, heut ist es richtig. Ein Bündel von Melisse zieht durchs samtig­heiße, flim­mernde Wasser. Jetzt trägt er seine damp­fende Tasse durch den Flur ins Arbeits­zimmer, schaltet den Bild­schirm an, sitzt auf einem Garten­stuhl vor dem Schreib­tisch und arbeitet sich durch elek­tri­sche Ordner in die Tiefe. Dann steht er, steht zwei Meter vom Bild­schirm entfernt, ein Mensch kniet dort auf dem Boden, ein Mensch, der sich fürchtet. Da ist eine Stimme. Eine schrille Stimme spricht schep­pernd Sätze in arabi­scher Sprache, uner­träg­lich diese Töne, so dass der Mann vor dem Schreib­tisch einen Schritt zurück­tritt. Er scheint sich zur Betrach­tung zu zwingen. Zwei Finger der rechten Hand bilden einen Ring. Er hält ihn vor sein linkes Auge, das andre Auge geschlossen, und sieht hindurch. So verharrt er, leicht vorge­beugt, bewe­gungslos, zwei Minuten, drei Minuten. Einmal ist sein Atmen heftig zu hören. Kurz darauf steht er wieder in der Küche, lehnt mit dem Rücken am Kühl­schrank, denkt, dass es schneit und spürt eine Unruhe, die lange Zeit in dieser Heftig­keit nicht wahr­zu­nehmen gewesen war. Ein Mensch, Daniel Pearl, wurde zur Ansicht getötet. – Was machen wir jetzt?
ping

ping

ping

Kommentar verfassen

ping
Top