versuch über nachtsprache

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romeo : 22.58 – Vor einem meiner Fenster in der Höhe ist heute Abend eine kleine Spinne aufge­taucht, ein Jäger auf dem Fens­ter­brett, sehr schnell, geschmeidig, gestreifter Pelz, Augen so klein, dass ich sie nicht sehen kann. Mit diesen Augen, die ich nicht sehen kann, beob­ach­tete mich die Spinne vermut­lich, während ich in ihrer Nähe am Fenster stand und Sätze wieder­holte, die derart verknotet waren, dass ich sie kaum ausspre­chen konnte. Die Spinne bewegte sich nicht, und ich dachte, viel­leicht hörte sie mir zu, hört, was N., die seit zwölf Jahren als Sach­be­ar­bei­terin in der Nähe eines Flug­ha­fens arbeitet, erzählte, warum nämlich die Begrü­ßung in der Nacht unter Nacht­ar­bei­tern eine selt­same Ange­le­gen­heit sein kann. N.‘s Aussage zur Folge soll es jeweils nach Mitter­nacht zu Schwie­rig­keiten deshalb kommen, weil man bis zur Mitter­nachts­stunde noch einen Guten Abend wünschen könne, indessen eine Person, der man im Aufzug begegne, in den ersten Minuten eines neuen Tages bereits mit einem fröh­li­chen Guten Morgen zu begrüßen sei, obwohl doch der nächste Morgen mit Licht oder Aussicht auf Feier­abend zu diesem Zeit­punkt noch viele Stunden weit entfernt sein müsste. Ein eigen­tüm­li­ches Gefühl, sagte N., das dieser voraus­ei­lende Morgen inmitten der Nacht noch nach Jahren in ihr erzeuge. Tatsäch­lich scheint es so zu sein, dass inmitten der Nacht die Nacht selbst in einer Begrü­ßungs­formel nicht ange­spro­chen werden kann, weil die Formu­lie­rung Gute Nacht im allge­meinen Abschied bedeutet unter Menschen, die zur übli­chen Wach­zeit exis­tieren, obwohl man doch im Moment des Abschiedes viel­leicht gerade Stirn an Stirn in einem Bett liegt, man macht die Augen zu und schläft, sofern man glück­lich und zufrieden ist. Zwei Schla­fende. Es ist so, als wären sie beide verreist, als wären sie beide nicht anwe­send, nicht erreichbar, auch nicht für sich selbst, weil ein Schla­fender niemals zuver­lässig in der Lage sein wird, sich persön­lich zu wecken, ohne vorbeu­gend externes Glocken­werk program­miert zu haben. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte. – stop

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