downtown south ferry : lorra

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nordpol : 0.22 – Elends­men­schen unter Decken, unter Mänteln, unter Papp­kar­tons verbor­gene Perso­nen­wesen, zerschla­gene, gefro­rene, eiternde Gesichter zu Tausenden auf der Straße, in Tunnels, Haus­ein­gängen, Parks. Ich kann nicht erkennen, ob sie Frauen oder Männer sind, sie spre­chen und bewegen sich nicht, oder nur sehr langsam, als würden sie sich in einer anderen Zeit befinden. Wer noch gehen kann, wer noch über Kraft zu spre­chen verfügt, wandert in der Subway, eine äußerst schwie­rige Arbeit, das Erzählen immer wieder ein und derselben Geschichte: Guten Abend, meine Damen und Herren! Ich bitte um ihre Aufmerk­sam­keit! Ich bin Lorra, ich bin 32 Jahre alt, ich bin wohnungslos, ich habe keine Arbeit, ich habe Kinder, wir müssen über den Winter kommen. Von Wagon zu Wagon. Von Zug zu Zug. Stunde um Stunde. Sie nimmt auch zu Essen, zu Trinken, Papier oder leere Flaschen an. Alles hilft, sagt Lorra, alles hilft. Sie wird nicht verhöhnt, vertrieben oder miss­achtet, sie bekommt, so oft ich ihr in der Linie 5 down­town South Ferry begeg­nete, zwei oder drei Dollar über­reicht. Abends sitzt sie im Warte­saal der Fähre und schläft. Einmal nähert sich ein Poli­zist. Lorra war ein wenig zur Seite gefallen. Er spricht sie an, er berührt sie an der Schulter: Mam, ist alles in Ordnung? Aber Lorra antwortet nicht. Ein zweiter Poli­zist kommt hinzu. Er fragt: Ist sie noch am Leben? Sie richten die schla­fende Frau gemeinsam auf. Sie tragen jetzt Hand­schuhe von Plastik. Sie spre­chen solange leise auf Lorra ein, bis sie die Augen öffnet. Dann macht sie die Augen wieder zu. – stop

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