malta : eine scheeweiße frau

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tan­go : 10.18 – Kurz nach 10 Uhr mor­gens sind heut ein paar selt­same Dinge geschehen. Ich saß auf einem schmalen Balkon in angenehm­ster Luft und hörte dem beza­ubern­den Gesang eines nicht sicht­baren Vogels zu. Eine Fähre, vielle­icht von Sizilien her, kreuzte indessen den Auss­chnitt des Meeres, den ich von meinem Stuhl aus wahrnehmen kon­nte. Sobald sie ver­schwun­den gewe­sen war, öffnete ich die Times vom Vortag und las, dass noch immer nicht bekan­nt gewor­den sei, wo der chi­ne­sis­che Kün­stler Ai Wei­wei gefan­gen gehal­ten wird. In Japan ver­suchte man weit­er­hin unter höch­ster Gefahr in verseuchtem Gebi­et, Opfer des Tsuna­mi zu bergen. In diesem Moment öffnete sich ein Fen­ster jen­seits der Straße, eine Frau, deren Gesicht schneeweiß gewe­sen war, star­rte mich für einige Sekun­den an. Das war ein merk­würdi­ger Blick, ein Blick, als ob sie mich in diesen Sekun­den mit ihren Augen fotografieren würde. Bald zog sie ihren Kopf wieder zurück in den Schat­ten des Raumes, um kurz darauf wiederzukehren mit einem Korb in der Hand, der an ein­er Schnur befes­tigt war. Sie seilte den Korb zur Straße hin ab, sah mich in dieser Bewe­gung wieder fotografierend an, beobachtete demzu­folge wie ich ihrem Korb mit den Augen fol­gte. Vor dem Haus weit unter uns wartete ein Briefträger. Der junge Mann ent­nahm dem Korb ein Schrift­stück und legte stattdessen eine Flasche hinein. Unverzüglich holte die Frau den Korb wieder zu sich nach oben. Kräftige Bewe­gun­gen ihrer dür­ren Arme. Auch ihre Arme waren so strahlend weiß, dass ich den Ein­druck hat­te, sie wären aus Licht gemacht oder von der Ein­samkeit des Zim­mers.

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