mrs sini reiss

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marim­ba : 0.08 — Vor einiger Zeit besuchte ich Mrs. Sini Reiss, die im 22. Stock eines Wohn­hochhaus­es nahe der Clark Street wohnt. Ich hörte, sie sei hoch betagt und habe ihr Apart­ment seit über zehn Jahren nicht ver­lassen. Die alte Dame lese viel und schaue gern vom Balkon aus zu den orange­far­be­nen Schif­f­en hin, die zwis­chen Man­hat­tan Süd und Stat­en Island pen­deln. Ich erkundigte mich, ob ich mich mit der alten Dame unter­hal­ten müsse. Nein, nein, ich solle nur ein paar Getränke vor­beib­rin­gen und vielle­icht ein biss­chen nach dem Müll schauen, Mrs. Reiss habe noch nie einen deutschen Mann ken­nen­gel­ernt, nur welche im Fernse­hen gese­hen, sie werde sich­er neugierig sein, sie spreche aber nur sehr wenig, sie werde also neugierig vor allem mit ihren Augen sein. Über­haupt solle ich mich nicht wun­dern, ich würde das hören sobald ich aus dem Aufzug steige, in ihrer Woh­nung sin­gen Vögel und brüllen Affen und zetern Zikaden unen­twegt. Wenn du die Augen schließt, dann meinst du dich im Urwald zu befind­en, das ist so, weil es in den Ohren der alten Dame seit vie­len Jahren heftig rauscht und pfeift, weshalb sie jene frem­den Stim­men in ihre Woh­nung holte, damit sie das Geräusch, das sich in ihren Ohren befind­et, nicht als ihr eigenes Geräusch wahrnehmen müsse. Mrs. Sini Reiss trage ein Wölkchen schlo­hweißen Haares auf dem Kopf, ihr Mund sei hell­rot geschminkt, ihre Wan­gen aprikosen­far­ben bepud­ert, sie trage ein dunkel­blaues Kostüm, und sie lese die New York Times von der ersten bis zur let­zten Seite Tag für Tag, sie wisse über die Welt sehr gut Bescheid, aber sie wolle eigentlich nichts hören und nicht sprechen, son­dern nur die Zeitung lesen und den Vögeln und Zikaden lauschen. Genau so ist es gewe­sen. Es war einem Dien­stag. — stop
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