tokio

pic

ginkgo : 0.22 – Ein Kind will sehen. So fängt es immer an, und auch damals fing es so an. Ein Kind wollte sehen. Der Junge konnte laufen, und er konnte an eine Türklinke heran­rei­chen. Es steckte keinerlei Absicht dahinter, nur der instink­tive Tourismus des Kindes­al­ters. Eine Tür war dazu da, aufge­stoßen zu werden; er ging hinein, blieb stehen, schaute. Da war niemand, der ihn beob­achtet hätte; er drehte sich um und ging fort, wobei er sorgsam die Tür hinter sich zumachte. – Ich erin­nerte mich an diese Zeilen Julian Barnes als ich zum ersten Mal von B. hörte, der eine tiefe Leiden­schaft für die Stadt Tokio entwi­ckelt haben soll, obwohl er nie dort gewesen ist. Was weiß ich von B. an diesem Abend? Eigent­lich nicht sehr viel. B. ist 52 Jahre alt, unge­fähr 1,88 Meter groß, schlank, studierte slawi­sche Spra­chen, arbei­tete als Über­setzer, Alten­pfleger, Autor von Restau­rant­be­schrei­bungen, Drama­turg, Post­schaffner, seit vier Jahren nun weder das eine noch das andere, weil er wohl­ha­bend geworden ist durch uner­war­tete Erbschaft. Er blieb damals vor vier Jahren in seiner kleinen Wohnung, kaufte sich einen Computer mit einem großen Bild­schirm und muss irgendwie in Tokio gelandet sein. Seinen ersten Besuch mittel der Street­views ( Google-Maps ) beschreibt er als ein wesent­li­ches Ereignis seines Lebens, er sei irgendwo in der Stadt gelandet, habe sich gewun­dert über die Enge der Straße, auf welcher er sich plötz­lich befand, und über Bäume, die aus Häusern zu wachsen schienen. Ein Mann stand vor einem Geträn­ke­au­to­maten, er schaute in die Kamera, die ihn gerade ablich­tete. Seine Augen, durch Unschärfe verfremdet, waren nicht zu erkennen, aber eine Ziga­rette, die der Mann zwischen Finger seiner rechten Hand geklemmt hatte. So, erzählte B., habe es ange­fangen. Stunde um Stunde, Tag für Tag, bewegte er sich fortan durch die Stadt. Immer wieder entdecke er Spuren selt­samster Geschichten. Ich habe eine Tür geöffnet. – stop

joseph

ping

ping

Kommentar verfassen

ping
Top