ein fahrrad

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whiskey : 5.16 UTC – Ein­mal, vor fünf Jahren sprach ich mit Martha, die kür­zlich gestor­ben ist, über das Vergessen oder Vergesslichkeit. Sie sagte, dass man, wenn man wirk­lich vergess­lich wird, diese Vergess­lich­keit nur dann bemerkt, wenn man darauf aufmerk­sam gemacht wird. An Tagen, da sie sich allein in ihrer Woh­nung aufhalte, könne sie vergessen, soviel sie wolle, es würde ihr selb­st nicht und nie­mand anderem auf­fall­en, dass sie eigent­lich einen Film betra­cht­en wollte, aber auf dem Weg zum Fern­seh­gerät plötz­lich ein Buch auf dem Tisch ent­deck­te, weshalb ihr Film­wunsch ver­loren ging. – Liebe Martha, notierte ich, Du hast ver­säumt, nach einem Text zu suchen, von dem ich Dir erzählte. Ich sende diesen Text noch ein­mal und rufe Dich gle­ich an, damit Du ihn für mich vor­lesen wirst. Hier ist der Text, den Martha damals ver­mut­lich noch wahrgenom­men hat­te. Er geht so: Eines der let­zten bewegten Bilder, die ich von meinem Vater in Erin­ne­rung habe, zeigt ihn, wie er in seinem Arbeits­zimmer am Com­put­er arbeit­et. Auf dem Bild­schirm sind dutzende Programm­fenster geöffnet. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungslos in seinem Ses­sel. Manch­mal tastet eine Hand durch die Luft, greift unsi­cher nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wieder auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zeiger über den Bild­schirm fahren. Ein weit­eres Programm­fenster öffnet sich. Ein kleines Mäd­chen fährt in diesem Fen­ster auf einem Fahrrad über einen sandi­gen Weg. Sie bewegt sich in Schlan­gen­li­nien dahin, lacht hoch zur Kam­era, die rück­wärts durch die Luft zu fliegen scheint. Es ist ein heit­er­er Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorne ab. Aber dann öffnet sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fen­ster, das den heit­eren Film verdeckt. Eine Foto­grafie, Mut­ter nahe Liss­abon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Com­put­er sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schuhe. Auch meine Mut­ter trägt Turn­schuhe. Ich fragte mich, wer diese Auf­nahme machte, und komme nicht darauf. Ein Schat­ten ist zu erken­nen, der Schat­ten eines Foto­grafen viel­leicht. In diesem Moment ruft die Frau, die auf der Foto­grafie zu sehen ist, von unten, vom Wohn­zimmer her, dass das Mittag­essen bald fer­tig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fen­ster, die er im Laufe des Vormit­tages geöffnet hat­te, wieder zu schließen. Nein, alles muss aufge­räumt wer­den. Mein Vater ste­ht nicht ein­fach auf, um sich sofort unsi­cheren Schrittes auf die Treppe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zeiger auf dem Bild­schirm den Rah­men der Programm­fenster nähert. Er scheint das Sym­bol für das Schließen der Fen­ster zu suchen, aber das Sym­bol ist nicht zu entde­cken, nicht zu erken­nen. Der Zeiger irrt auf dem Bild­schirm herum, Fen­ster drän­gen sich in den Vorder­grund und ver­schwinden wieder. Dann kommt Mut­ter her­bei, sie ruft zärt­lich: Komm, komm, das Essen ist fer­tig. Schritte auf der Treppe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwit­schern der Vögel vom Garten her. Im Zim­mer auf dem Schreib­tisch ist der Com­put­er längst einge­schlafen. – stop

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Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Die Ewigkeit, mit Worten umstellt. Was hier geschieht, ist ein immer währen­der Sog, dessen Energie alles Schlechte her­aus wirbelt und alles Ret­tenswerte in sich ver­birgt. Danke. Ich bin so unfass­bar gerne hier zu Gast.

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