herzgeschichte

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tango : 5.12 – In der vergan­genen Nacht hörte ich eine Tonauf­nahme, die vor einigen Jahren während eines Spazier­ganges an der Isar in München aufge­zeichnet wurde. Ein herbst­li­cher Tag. Das Rauschen des Flusses, bisweilen tosende Geräu­sche, wie ein weiteres Gespräch im Hinter­grund. Und Hunde, und Gitar­ren­musik immer wieder, und Schritte, nicht die Schritte der zwei Gehenden vor dem Mikrofon, sondernd Schritte entge­gen­kom­mender Passanten. Wir unter­halten uns über Arme und Beine, Muskeln, Sehnen, Nerven­stränge. Einmal beginnt es zu regnen, aufschla­gende Tropfen sind auf Schirmen deut­lich zu hören. Aber wir verlieren kein Wort über den Regen. Die junge Frau, die an meiner Seite wandert, spricht sehr langsam, macht lange Pausen, manchmal scheint sie nicht mir, sondern dem Wasser zuzu­hören. Immer wieder erkun­digt sie sich, ob das gut so sei, was sie sage, ob ich eine Geschichte daraus machen könne. Sie will nicht, dass ich ihren Namen wieder­gebe: Nenn mich ‘junge Frau’ oder nenn mich ‘Studentin’. Manchmal sei sie müde, sagt sie, weil sie bis spät in der Nacht als Platz­an­wei­serin in einem Kino arbeite. Sie sei so müde, dass sie einmal im Präpa­rier­saal am Tisch beinahe einge­schlafen wäre. Das Skal­pell sei ihr aus der Hand gerutscht und zu Boden gefallen, da sei sie gerade noch recht­zeitig wieder ganz wach geworden. Der Job wäre aber sehr prak­tisch, weil sie in den Zeiten der laufenden Filme, manchmal lernen könne, sie führe ihren Taschen­atlas immer in ihrer Hand­ta­sche mit sich, Notizen und das Skript. Als Kind habe sie ihren Eltern gesagt, dass ihr Herz nicht dort schlagen würde, wo es bei den anderen Kindern üblich wäre. Sie fühlte ihr Herz immer auf der rechten Seite schlagen. Niemand habe sie ernst genommen. Nicht einmal ihr erster liebster Freund habe ihr zuge­hört, und auch nicht ihr zweiter Freund, der immer an der falschen Stelle sein Ohr an ihre Brust gelegt habe. Der dritte Freund war ein Medi­ziner gewesen, ein Student, der habe endlich nicht nach ihr, sondern auch nach ihrem Herzen an der rich­tigen Stelle gesucht. Er habe gesagt: Ein Situs inversus, eine Normab­wei­chung. In dieser Sekunde habe sie beschlossen, Ärztin zu werden. – stop

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