lissabon

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sierra : 6.52 – Eines der letzten bewegten Bilder, die ich von meinem Vater in Erin­ne­rung habe, zeigt ihn, wie er in seinem Arbeits­zimmer am Computer arbeitet. Auf dem Bild­schirm sind dutzende Programm­fenster geöffnet. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungslos in seinem Sessel. Manchmal tastet eine Hand durch die Luft, greift unsi­cher nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wieder auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zeiger über den Bild­schirm fahren. Ein weiteres Programm­fenster öffnet sich. Ein kleines Mädchen fährt in diesem Fenster auf einem Fahrrad über einen sandigen Weg. Sie bewegt sich in Schlan­gen­li­nien dahin, lacht hoch zur Kamera, die rück­wärts durch die Luft zu fliegen scheint. Es ist ein heiterer Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorne ab. Aber dann öffnet sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fenster, das den heiteren Film verdeckt. Eine Foto­grafie, Mutter nahe Lissabon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Computer sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schuhe. Auch meine Mutter trägt Turn­schuhe. Ich fragte mich, wer diese Aufnahme machte, und komme nicht darauf. Ein Schatten ist zu erkennen, der Schatten eines Foto­grafen viel­leicht. In diesem Moment ruft die Frau, die auf der Foto­grafie zu sehen ist, von unten, vom Wohn­zimmer her, dass das Mittag­essen bald fertig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fenster, die er im Laufe des Vormit­tages geöffnet hatte, wieder zu schließen. Nein, alles muss aufge­räumt werden. Mein Vater steht nicht einfach auf, um sich sofort unsi­cheren Schrittes auf die Treppe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zeiger auf dem Bild­schirm den Rahmen der Programm­fenster nähert. Er scheint das Symbol für das Schließen der Fenster zu suchen, aber das Symbol ist nicht zu entde­cken, nicht zu erkennen. Der Zeiger irrt auf dem Bild­schirm herum, Fenster drängen sich in den Vorder­grund und verschwinden wieder. Dann kommt Mutter herbei, sie ruft zärt­lich: Komm, komm, das Essen ist fertig. Schritte auf der Treppe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwit­schern der Vögel vom Garten her. Im Zimmer auf dem Schreib­tisch ist der Computer längst einge­schlafen. – stop

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