PRÄPARIERSAAL : nachtzeit

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india : 20.18 – Regen. Schnüre von Regen. Dämme­rung heute bereits gegen 18 Uhr. Seit drei Stunden höre ich Tonband­auf­nahmen ab, Stimmen, die präzise formu­lie­rend vom Präpa­rie­saal und seiner Umge­bung erzählen. Immer wieder halte ich die Maschine an, schreibe auf, was ich hörte, stemple Zeit­an­gaben. Chris­to­pher kurz vor acht Uhr über seine Erfah­rung jenseits der Tage: > Was ich nachts gemacht habe? Meine Freundin sagt, ich würde in latei­ni­scher Sprache mit ihr gespro­chen haben : pause 2 sec : Viel­leicht habe ich etwas mimi­sche Musku­latur repe­tiert. Musculus fron­talis. Musculus corru­gator super­cilii. Musculus orbi­cu­laris oculi. Das war eine sehr wich­tige Nacht­ar­beit, die ich da verrichtet habe, verstehen Sie? Ich hatte Schwie­rig­keiten diese fremd­ar­tigen Wörter auszu­spre­chen. Wie sollte ich sie im Kopf behalten, wenn ich sie nicht spre­chen konnte! : pause 3 sec : Ich habe also nachts nicht wirk­lich geträumt, sondern nur Sprech­übungen gemacht. : pause 5 sec : Auch dann, wenn ich wach war, das können Sie mir glauben, habe ich Wörter geübt. : pause 4 sec : Das Wort Leiche wollte ich nicht ausspre­chen. Ich habe immer von Körpern gespro­chen. : pause 3 sec : In den ersten Tagen manchmal, sobald ich den Präpa­rier­saal betreten habe, hatte ich den Eindruck einer gewissen Unwirk­lich­keit der Situa­tion. Ich hatte den Eindruck, jene toten Menschen verkör­perten nur eine Vorstel­lung, als hätte man sie für uns herge­stellt, orga­ni­sche Ausstel­lungs­räume, mit Erde bezeich­nete Lehm­körper. Auch wenn das viel­leicht seltsam klingen mag, die erste Berüh­rung des Körpers auf dem Tisch war eine Bewe­gung, die der Verge­wis­se­rung diente, dass der Körper vor mir auf dem Tisch wirk­lich anwe­send war. : pause 2 sec : Körper also. Sie boten meinen Händen Wider­stand. Sie waren kühl und sie wirkten zeitlos. – stop
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