josephine auf dem bildschirm

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echo : 15.07 – Gestern Abend habe ich zum ersten Mal mit Jose­phine, einer alten Dame, die in Brooklyn wohnt, ein Gespräch über Skype geführt. Ich weiss nicht genau wie lange Zeit ich benö­tigte, sie davon zu über­zeugen, dass das Tele­fo­nieren mittels eines Compu­ters nicht gefähr­lich sei, viel­mehr ange­nehm, weil man einander sehen könne, wenn­gleich etwas in der Zeit verzö­gert. Ich glaube, es waren Monate gewesen. Ich musste ihr zuletzt hoch und heilig verspre­chen, keine Foto­gra­fien von ihrem Abbild zu machen, oder nur dann, wenn sie mir das Foto­gra­fieren ausdrück­lich gestatten würde. – Früher Nach­mittag in Brooklyn, die Sonne schien noch, genau die Sonne, die bei mir längst unter­ge­gangen war. Jose­phine hatte eine Lese­brille aufge­setzt, ihr rotes Haar schim­merte im hellen Licht, das von den Fens­tern her auf sie fiel. Aber das Zimmer, in dem sie saß, lag im Schatten. Ich konnte eine Lampe erkennen, die neben jenem Schreib­tisch stand, vor dem Jose­phine Platz genommen hatte, um genau in diesem Moment mein Gesicht auf einem Bild­schirm zu betrachten. Wir waren uns schon einmal persön­lich begegnet, aber nicht in dieser Weise, ich konnte sehen, dass sie sich geschminkt hatte und ein wenig nervös war, vermut­lich deshalb, weil sie nicht wie üblich im Gespräch mit ihrem Telefon auf und ab laufen konnte. Wie geht es Ihnen, erkun­digte sie sich. Ich antwor­tete, dass es mir gut gehen würde, eine leichte Erkäl­tung viel­leicht, nichts Ernstes. Es soll kalt werden in den kommenden Tagen, sagte Jose­phine. Sie sprach langsam, über­legt, wie immer, wenn sie in deut­scher Sprache formu­lierte, und sie lachte und stand kurz darauf vor dem Computer auf, so dass sie für mich unsichtbar wurde. Sie fragte, ob ich sie noch hören könne, das Bild, das ich auf dem Schirm meines Compu­ters sehen konnte, wackelte jetzt, weil sich der Computer der alten Dame selbst zu bewegen schien. Tatsäch­lich hatte sie ihr Netbook vom Tisch gehoben und war mit ihm zum Fenster gelaufen, hatte die kleine Maschine auf das Fens­ter­sims gestellt, so dass ich einen Ausblick hatte auf die Brooklyn Heights Prome­nade, auf das duns­tige Meer, es war ein wunder­barer Moment gewesen. Ich konnte Menschen erkennen, die unter Regen­schirmen spazierten, es schien windig zu sein, Kinder spielten im Garten des Hauses, unter dessen Dach Jose­phine seit Jahr­zehnten lebt, Laub wirbelte herum, ein paar Läufer kreuzten durch das Bild, am Pier 5 ankerten zwei Schlepper. Es war ein beinahe vertrauter Ausblick gewesen. Und wieder wackelte das Bild und das Meer verschwand und Jose­phine wurde erneut sichtbar. Können Sie mich sehen, wollte sie wissen, können Sie mich wirk­lich sehen? – stop

jose­phine

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