matrjoschka

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romeo : 6.28 — Seit mein­er Kind­heit besitze ich eine Puppe von Holz. Ich habe sie unter dem Namen Babusch­ka ken­nen­gel­ernt. Dieser Name war so lange gültig gewe­sen, bis mir eine rus­sis­che Bekan­nte erzählte, dass es sich eigentlich um eine Matr­joschka­puppe han­deln würde. Man kann diese Puppe öff­nen, indem man an ihr dreht, bis sie sich an ihrem Bauch der­art entzweit, dass sie tat­säch­lich aus zwei Teilen mit exakt geschnit­te­nen Rän­dern beste­ht, einem unteren Teil mit Füssen, die in Farbe auf das helle Holz aufge­tra­gen sind, und einem oberen Teil mit einem geze­ich­neten Kopf. Mit dieser Tren­nung geht die Gestalt der Puppe jedoch nicht wirk­lich ver­loren, weil sie in ein­er klein­er gewor­de­nen Aus­gabe, die sich in der größeren Pup­pen­form ver­steck­te, weit­er­hin vor­liegt. Sie ver­fügt über das gle­iche Gesicht, wie ihre Hülle, über einen etwas kleineren Mund, und gle­ich­falls gerötete Wan­gen und kleinere Augen, und sie drückt in dieser Erschei­n­ung nichts anderes aus als: Ich bin nur eine Hülle, ich trage mein eigentlich­es Inneres in mir, mein Wesen, öffne mich! Und so weit­er und so fort. Gestern nun habe ich einen Brief gele­sen, in dem von der Gat­tung der Babuschka­pup­pen die Rede war. Ich hat­te den Brief noch nicht zu Ende studiert, da stand ich auf und ging zum Regal, nahm meine Puppe seit vie­len Jahren zum ersten Mal wieder in die Hand und öffnete sie. Tat­säch­lich habe ich sofort ein inten­sives Gefühl wahrgenom­men, eine Empfind­ung mein­er Kind­heit, zugle­ich in der Zeit weit ent­fer­nt und nah und ver­traut. Hier der Brief, der mir meine Puppe von Holz in Erin­nerung gerufen hat­te. Miri­am erzählt von Erfahrun­gen des Prä­pari­er­saales: Zuerst also haben wir die Haut ent­fer­nt und dann das Fett. Das war wie ein zweit­er Man­tel gewe­sen, und dann kamen die Muskeln dran, und plöt­zlich war der Bauch offen. Bis dahin habe ich immer an diese Babuschka­pup­pen gedacht. Die wer­den ja auch immer klein­er, wenn man eine aufgemacht hat und danach die näch­ste. Aber dann waren auf dem Tisch plöt­zlich nur noch Arme und Beine und ein Kopf, der aus zwei Teilen bestand. Ich weiß noch, wie ich am Ende des Tages alles so hin­gelegt habe, als wäre der Rumpf noch da, so eine Ord­nung habe ich ver­sucht. Das sah also aus wie ein Strich­män­nchen. Aber eben ohne Bauch. Ich erin­nere mich in diesem Moment sehr gut an eine merk­würdi­ge Geschichte aus der Anfangszeit des Kurs­es. Ich war schon sehr früh am Mor­gen im Prä­pari­er­saal des Insti­tutes. Ich hat­te schlecht geschlafen wegen ein­er leicht­en Grippe, und so war ich eine der ersten Stu­dentin­nen gewe­sen, die an diesem Tag die Arbeit an ihrem Leich­nam aufgenom­men haben. Ich prä­pari­erte an einem der Arme, eine recht kom­plizierte Angele­gen­heit war das gewe­sen, und ich dachte immer wieder, dass meine Hand nicht ruhig genug wäre, um eine so feine Auf­gabe auszuführen. Ich fluchte also ein wenig vor mich hin und dann entschuldigte ich mich plöt­zlich. Ganz im Ernst. Ich entschuldigte mich bei dem Leich­nam für meine unfre­undlichen Worte. Ich höre das jet­zt noch. Ich höre mich sagen: Sor­ry! Und ich sage Dir, ich habe mich gut gefühlt. Ich habe, nach­dem mir bewusst gewor­den war, dass ich zur Leiche gesprochen hat­te, noch ein wenig so weit­ergemacht. Eine Unter­hal­tung war das natür­lich nicht. Ein Monolog. One way! Aber gut. — stop

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